Papst Leo XIV trug persönlich die Enzyklika der katholischen Kirche zur Künstlichen Intelligenz vor. Er sieht KI weder als grundsätzlich gut noch als grundsätzlich böse. Er betont, dass Technologie dem Menschen, seiner Würde und dem Gemeinwohl dienen muss – nicht umgekehrt. Aber er warnt vor den wichtigsten negativen Auswüchsen: Verlust der menschlichen Würde, Verlust von Arbeitsplätzen, militärische Nutzung, Machtkonzentration, Desinformation.
Ihm zur Seite stand Christopher Olah, Mitgründer des KI-Giganten „Anthropic“. Die Einladung eines weltweiten KI-Players wurde als Signal verstanden, dass die Kirche den Dialog mit führenden KI-Forschern sucht und sich aktiv in die Debatte über KI-Ethik einbringen will.
Aber trifft diese ambivalente, moralische Argumentation des Papstes auf die wichtigsten Player in der KI-Welt?
Zweifellos nicht, denn dann hätte er Elon Musk einladen müssen, der sich selbst zum „Technoking“ ernannte.
Joachim Bischoff untersucht in der „Sozialismus“ 6/26 die Rolle von Musk als personifizierten Träger einer neuen kapitalistischen Betriebsweise („Plattformkapitalismus“), die ebenso folgenreich ist für die kapitalistischen Nachkriegsentwicklung wie seinerzeit der Fordismus.
Der Unterschied: Mit dem Fordismus und der Ära der Massenproduktion und –konsumtion suchten maßgebliche Kräfte des Kapitals (in der BRD zumal nach dem verlorenen Krieg) einen „Burgfrieden“ zwischen Kapital und Arbeit („Klassenkompromiss“). Musk hingegen ist die Antwort der heute herrschenden Klasse auf Dauerkrise und weltwirtschaftlichen US-Niedergang (China, BRICS).
Sozialer Krieg statt sozialer Ausgleich, lautet jetzt die Parole, und das ist das Programm des „Muskismus“. Die Künstliche Intelligenz spielt in diesem Klassen- und Systemkrieg eine entscheidende Rolle.
Die amerikanischen Tech-Giganten haben deshalb das ursprüngliche Non-Profit-Projekt OpenAI über Bord geworfen und in ein Profitunternehmen umgewandelt, mit einem Kapitalwert von immerhin 852 Mrd. USD.
Und tatsächlich benötigt die „KI-Revolution“ ein gigantisches Kapitalvolumen, an Investitionen und Betriebskapital, wenn man bedenkt, dass KI-Rechenzentren mit zehntausenden von Servern ebenso so viel Strom verbrauchen wie San Franzisco mit ihren ca. 870.000 Einwohner:innen. Übrigens: Mit seiner effizienteren Softwarestrategie kommt das chinesische KI-System „Deep seek“ mit einem Bruchteil des Aufwandes von ChatGPT aus. Die amerikanische Öffentlichkeit sieht die KI-Entwicklung und ihre Folgen zunehmend kritisch, weshalb die KI-Konzernen die üblichen Consultingunternehmen mit entsprechenden Aufträgen zu den Verheißungen der KI beauftragen.
Joachim Bischoff und Stefan Krüger haben bereits 2021 darauf hingewiesen, dass mit Plattformkapitalismus und KI eine neue Entwicklungsstufe der kapitalistischen Produktionsweise des 21. Jahrhunderts im Entstehen ist: “Nach den Betriebsweisen von großer Industrie und Taylorismus/Fordismus sehen wir aktuell die Konturen einer weiteren Formation, die sich auf Betriebssysteme für die Vernetzung von Wertschöpfungsketten, Lieferketten, Handelsplattformen und Konsument*innen stützt. Diese digitale Produktion basiert auf Datenplattformen, die auch als ‚Industriel Internet of Things‘ (IIoT) bezeichnet werden.“
Dieser Periodisierungsansatz versteht sich sowohl als Gegenstück zum Konzept „Langer Wellen oder Zyklen“ als auch zu Stadientheorien, die lediglich von Marktstrukturen oder Konkurrenzverhältnissen ausgehen.
Bischoff greift auch Überlegungen von Marx zum „generell intellect“ und zu dessen Produktivkrafttheorie auf. Ebenso behandelt er die Frage der Regulierung des Stoffwechsels von Mensch und Natur (Dekarbonisierung).
Die reaktionären politischen Aktivitäten des „Muskismus“ sind keine Ausrutscher oder „Hobbies“ von Musk, sondern untrennbarer Bestand seines reaktionären Eliten-Konzepts, dessen Kernelemente Ausbeutung, Ungleichheit, Rassismus, Faschisierung und sozialer Krieg gegen die Armen sind.
Die Veranstaltung findet als Gespräch mit Hartmut Obens statt.
