Wie hilft der Bruch mit einem konformistischen Fortschrittsglauben "unsere Position im Kampf gegen den Faschismus zu verbessern?" Die Welt ist aus den Fugen und die herrschende Politik auch hierzulande propagiert immer wieder die Wege, die mit in die gegenwärtige Polykrise geführt haben: Wachstum, Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit und Standortkonkurrenz, Sozialabbau. Darin wird der Fortschritt aus der Krise gesucht – ganz im Gegensatz zur Geschichtsauffassung eines Walter Benjamin: „Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es >so weiter< geht, ist die Katastrophe.“ Walter Benjamin (1892-1940) war von den wechselnden Kalamitäten der Zwischenkriegszeit auch sehr persönlich erfasst und sein politisches Denken verarbeitet diese Katastrophenzeit innerhalb des „Zeitalters der Extreme“: „Während die Wirtschaft taumelte, verschwanden zwischen 1917 und 1942 tatsächlich alle liberalen demokratischen Institutionen, wohingegen der Faschismus und seine autoritären Satelliten und Regime auf dem Vormarsch waren. Nur die temporäre und bizarre Allianz von liberalem Kapitalismus und Kommunismus, zur Selbstverteidigung gegen den faschistischen Herausforderer, rettete die Demokratie.“ (Eric Hobsbawm 1994)
Benjamin sah darüber hinaus die Gefahr, dass auch die Arbeiterbewegung unter dem ungeheuren Druck dieser Verhältnisse politisch-kulturelle Deformationen davonträgt. Auch heute stehen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und die politische Linke (europaweit) mit dem Rücken zur Wand. Und in linken Zeitdiagnosen wird auch wieder auf den Faschismusbegriff zurückgegriffen und strategisch eine „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ versucht. Vor diesem Hintergrund soll in der Diskussion zweierlei versucht werden:
Zum einen soll Benjamins Auffassung „Die Politik erhält den Primat über die Geschichte“, die auf den ersten Blick der Marxschen materialistischen Geschichtsauffassung widerspricht, nachvollzogen werden. In den Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ (1940) verbindet Benjamin „Revolution“ mit einer seismographischen, geschichtsphilosophischen und messianischen Dimension. In der Revolution überlagern sich Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, katastrophale und siegreiche Bestimmungen. Eine solche Indexfunktion gilt nicht nur für die Revolution, sondern für Benjamins Geschichtsauffassung insgesamt, wie in These II formuliert: „Mit der Vorstellung von Vergangenheit, welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird.“ Um den Gehalt und das Potential dieses Index‘ freizulegen, bedarf es einer radikalen Umkehr in der Geschichtsbetrachtung, an der Benjamin seit seiner „Institutionenkritik“ an der universitär etablierten Geschichtswissenschaft schon als Student arbeitet.
Zum andern ist zu prüfen, wieweit seine prononcierten Schlussfolgerungen in seiner achten geschichtsphilosophischen These aktualisierbar sind: »Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, dass der ›Ausnahmezustand‹, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern.«
Benjamin fordert die Linke auf, mit dem Konformismus einer Fortschrittsauffassung, der auch in der deutschen Sozialdemokratie vorherrscht und nicht nur »an ihrer politischen Taktik, sondern auch an ihren ökonomischen Vorstellungen« (Benjamin) anhaftet, zu brechen. Wie kann der Bruch mit dieser Vorstellung die Position im Kampf gegen den Faschismus verbessern?
Zoom Link: https://us06web.zoom.us/j/85251613711

