Ende oder Renaissance sozialistischer Utopien? – Streitgespräch zwischen Joachim Bischoff und Christoph Lieber

Ort: Online-Zoom
Veranstalter: Marxismus basics

Der „Anti-Dühring“, die Engels’sche Schrift über die „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, war die populärste Darstellung zum historischen Materialismus und wurde von den damaligen Arbeitermassen gelesen und verstanden. 

Nach dem Zusammenbruch des „realen Sozialismus“ und dem Scheitern der sich auf Marx berufenden Arbeiterparteien des Westens wurde der Sozialismus für tot erklärt oder geriet zum Schreckgespenst bürgerlicher und sozialdemokratischer Kreise beim Abwimmeln von Alternativen zum in die Dauerkrise geratenen Kapitalismus. 

Dagegen haben in letzter Zeit Marxisten wie Frank Deppe (2021) und Klaus Dörre (2025) eine Revitalisierung der Idee des Sozialismus versucht. Frank Deppe schrieb in seinem Buch „Sozialismus – Geburt und Aufschwung – Widersprüche und Niedergang – Perspektiven“ von einer „dritten Welle“ des Sozialismus, und Klaus Dörre unternahm in seinem Buch „Sozialismus von unten?“ den Versuch, den Sozialismusbegriff zu erneuern und Bedeutung und Stellenwert der sozialistischen Utopie neu auszuloten. In diese Diskussion hat sich Joachim Bischoff eingeschaltet: „Ende oder Renaissance sozialistischer Utopien? – Von Engels‘ „Anti-Dühring“ zum Epochenbruch am Ende des Zeitalters der Erschöpfung“. (VSA 2025). 

Bischoff, Herausgeber der Monatszeitschrift „Sozialismus“, macht in seinem Buch einen breiten Bogen auf, vom Niedergang der marxistischen Linken im 20. Jahrhundert, über die Polykrisen am Anfang des 21. Jahrhunderts, zu Trumps protektionistischer Zerstörung des regelbasierten Welthandels und den Selbstzerstörungstendenzen der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Im 6. Kapitel „Degrowth by Desaster: Rückwende von der Wissenschaft zur Utopie?“ zitiert Bischoff die Aufwertung der Utopie durch Klaus Dörre: „Der Anspruch, von der Utopie zur Wissenschaft geworden zu sein, hat zur Verknöcherung des Sozialismus, zu falschen Versprechungen, herrschaftlichen Totalitätsansprüchen, und dort, wo er zum System erstarrt war, letztendlich zu dessen Zusammenbruch geführt“ (2012, S. 14). 

Für Bischoff ist es wenig überzeugend, wenn Dörre seine Neubewertung des Entwicklungsweges von der Utopie zur Wissenschaft mit der Notwendigkeit einer attraktiven Alternative zum heutigen Kapitalismus begründet und nicht eine fundierte Analyse der „Postwachstumsgesellschaft“ durch die Analyse der „Akkumulationsbewegung der kapitalistischen Gesellschaften und insbesondere des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses des Kapitals“ fundiert. Mit solcher Analyse halte sich Dörre nicht auf und verpasse dadurch die Begründung für die zentralen Strukturen einer ökologisch-sozialistischen Transformation, womit der entscheidende Ansatz eines geschichtsmaterialistischen Ansatzes verfehlt sei (S. 141). 

Christoph Lieber, Redakteur der „Sozialismus“, vertritt in seinem Besprechungsessay (in „Sozialismus“ 2/26) den Standpunkt, dass Bischoffs Kritik an der „Aufwertung der Utopie“ durch Dörre nicht gerechtfertigt sei. Auch andere zentrale Anliegen einer modernen ökologisch-sozialistischen Strategiebildung blieben unberücksichtigt. 

Das Erbe des marxschen Denkens, so Lieber, die Kritik des heutigen Kapitalismus aus der Perspektive des historischen Materialismus und das Projekt einer emanzipatorischen Klassenpolitik könne nur fruchtbar weitergedacht werden, wenn man mit Walter Benjamin den Historismus und die traditionellen bzw. teleologischen Marxinterpretationen kritisiert und dabei mediale und kulturelle Vermittlungen berücksichtigt, also die subjektiven Formen von Erfahrung und Wahrnehmung der Menschen mit in den Blick nimmt. Mit diesen Anmerkungen bereichert Lieber durchaus die aktuellen kapitalismusüberwindenden Diskussionen. 

Mit dem Kapitel über die Agenda der sozialistischen Linken im 21. Jahrhundert liefert Bischoff abschließend einen wichtigen Beitrag zu den Fragestellungen und Alternativen der heutigen Linken.

 

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