LAG Gegen jeden Antisemitismus
Kontakt: ag-antisemitismus@die-linke-hamburg.de
Sprecher*innen: Gernot Wolter, Jasmin Subklewe
Wir sind die „Arbeitsgemeinschaft Gegen jeden Antisemitismus“ – ein Zusammenschluss innerhalb der Partei Die Linke in Hamburg, der sich konsequent und aktiv gegen jede Form von Antisemitismus stellt.
Antisemitismus ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern bittere Realität – auch innerhalb linker Zusammenhänge. Wir sehen es als unsere Aufgabe, antisemitische Ideologien und Narrative in allen gesellschaftlichen Bereichen zu benennen, zu bekämpfen und zurückzudrängen, vor allem dann, wenn die Verursacher*innen sich in linken Zusammenhängen organisieren.
Unsere Arbeit basiert auf drei Grundprinzipien:
- Unbedingte Solidarität mit Jüd*innen – in Deutschland, in Israel und weltweit.
- Kritik am Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen – ob offen oder codiert, religiös, rassistisch, strukturell oder israelbezogen.
- Selbstkritik und politische Aufklärung – auch innerhalb der Linken.
Wir stehen für eine linke Politik, die bei Antisemitismus nicht relativiert und nicht wegschaut. Wir setzen uns ein für eine Gesellschaft, in der jüdisches Leben sicher, sichtbar und selbstverständlich ist.
„Deutschland hat wegen der beispiellosen Verbrechen der Deutschen an den Jüdinnen und Juden während des deutschen Faschismus eine besondere Verantwortung und muss jeder Art von Antisemitismus, Rassismus, Unterdrückung und Krieg entgegentreten. Insbesondere diese Verantwortung verpflichtet auch uns, für das Existenzrecht Israels einzutreten. Zugleich stehen wir für eine friedliche Beilegung des Nahostkonfliktes im Rahmen einer Zwei-Staaten-Lösung und damit die völkerrechtliche Anerkennung eines eigenständigen und lebensfähigen palästinensischen Staates auf der Basis der Resolutionen der Vereinten Nationen.“
(Parteiprogramm Die Linke, Beschluss des Parteitages der Partei Die Linke vom 21. bis 23. Oktober 2011, bestätigt durch einen Mitgliederentscheid im Dezember 2011, S. 16.)
Antizionismus hat keinen Platz in der Linken
Diskussionsgrundlage für die LAG von Gernot Wolter
„Der Antisemitismus ist nicht verschwunden – er hat sich angepasst.
Er verbirgt sich jetzt häufiger hinter einer neuen, antizionistischen Sprache“,
Tova Friedmann, Auschwitzüberlebende (1)
Der Antisemitismusforscher Peter Ullrich, der auch für die Rosa-Luxemburg-Stiftung tätig ist und selbst an der alternativen Definition von Antisemitismus, der „Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“ mitgearbeitet hat, hat Antizionismus und Zionismus in einem Satz treffend dargestellt:
„„Antizionismus“ ist die weltbildhafte Ablehnung des Staates Israel und der diesem zugrunde liegenden nationalen Bewegung (Zionismus). Er stellt einen zentralen Artikulationskontext von Antisemitismus dar.“(2)
Der Zionismus war eine Selbstbezeichnung der Menschen, die Ende des 19. Jahrhunderts die Gründung eines jüdischen Gemeinwesens anstrebten (3). Schon damals gab es dezidiert dagegen gerichtete jüdische Organisationen. „Jüdischer Antizionismus ist von Beginn an Teil der Geschichte des Zionismus.“(4) Auch aus der Arbeiter:innenbewegung gab es Kritik am Zionismus als weiterem Nationalismus.
Der explizite deutsche Antisemitismus und der deutsche Faschismus schwankten zwischen der vermeintlichen Chance, jetzt alle Jüd:innen nach Palästina vertreiben zu können, und der Deutung, dass dies nun die Weltverschwörung des Judentums an sich sei, was sich mit der berüchtigten antisemitischen Fälschung, den „Protokollen der Weisen von Zion“, „nachweisen“ ließ. Auch der antisemitische Antizionismus war somit von vornherein präsent.
Der Antisemitismus von links in Form des Antizionismus entwickelte sich sodann nach dem Holocaust und hat nichts mit dem oben erwähnten Diskurs über die Sinnhaftigkeit einer Staatsgründung zu tun. „Dieser antisemitische Antizionismus ist in der Regel in ein marxistisch-leninistisches bzw. antiimperialistisches (inter)nationalistisches Selbst- und Weltbild integriert.“(5)
Er entwickelte sich im Stalinismus mit einer Repressions- und Säuberungswelle in den eigenen Reihen gegen vermeintliche „zionistische Agenten“ und „den internationalen Zionismus“. Im Prager Schauprozess gegen insbesondere jüdische Mitglieder der tschechoslowakischen KP um Rudolf Slánsky wurde der Antisemitismus des Sowjetkommunismus durch den Staatsanwalt klar entfaltet, der ausführte „Die zionistischen Organisationen waren schon immer mit tausendfachen Fäden ihrer inneren Interessen mit dem Weltkapitalismus verknüpft.“ und die Angeklagten als „Käuflinge des Imperialismus“ , „Schädlingsgesindel“, „Blutegel“ und – eine klassisch antisemitische Bildsprache - „tausendarmige Meerpolypen“ bezeichnete.
Die SED schloss sich dieser antisemitischen Kampagne an und „überprüfte“ Parteimitglieder mit vermeintlich jüdischer Abstammung, wobei zahlreiche Angestellte im öffentlichen Dienst entlassen wurden. Über 500 Jüd:innen flohen daraufhin noch 1953 aus der DDR.
Aber nicht nur in der DDR, sondern auch in der westdeutschen, sich als antiimperialistisch bezeichnenden Linken grassierte dieser Antisemitismus ab Ende der der 60er Jahre in Form des Antizionismus (6). Die Revolutionären Zellen (RZ) schwadronierten von einer „zionistischen Weltbewegung“, der ein „gigantischer Propagandaapparat zur Verfügung“ stünde. Die RAF faselte vom „Moshe-Dayan-Faschismus – diesem Himmler Israels“, der „seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden“.
Der Antizionismus entlarvte sich als Antisemitismus wohl am deutlichsten im versuchten Bombenattentat der „Tupamaros West-Berlin“ (mit Mitglied Dieter Kunzelmann, den Jürgen Trittin anlässlich des Todes dennoch als „großen Sponti“ ehrte (7)) ausgerechnet auf eine Gedenkveranstaltung am 9.November 1969 in einem jüdischem Gemeindezentrum, bei dem der Vorsitzende des Zentralrats der Juden Heinz Galinski nur deswegen nicht starb, weil die Bombe
nicht zündete. Im Bekennerschreiben hieß es u.a., dass dies „der wahre Antifaschismus“ sei, der frei von einem „deutschen Schuldbewusstsein“ die „geschichtliche Nichtberechtigung eines israelischen Staates“ erkenne.
Die RZ entführten 1976 gemeinsam mit der palästinensischen PFLP eine Passagiermaschine (Entebbe-Entführung) und die beiden deutschen Terrorist:innen trennten dabei die israelischen und nicht-israelischen jüdischen oder vermeintlich jüdischen Passagiere (darunter auch ein Holocaust-Überlebender, der sogar seine tätowierte Häftlingsnummer gezeigt haben soll) von anderen Menschen.
Insbesondere diese Entführung mit der genannten Selektion führte dann nach und nach zu einem Umdenken in der westdeutschen Linken.
Was sagt uns das?
Der Antizionismus ist kein unbelasteter Begriff, sondern tief verstrickt mit dem Antisemitismus der SED – immerhin auch eine historische Herkunft der Partei Die Linke - und auch der Linken in Westdeutschland mit ihrem terroristischem Vorgehen. Mit dem schlichten Hinweis, dass man doch jegliche Nationalbewegung also auch den Zionismus ablehnen dürfe, kann man sich dabei nicht aus der Affäre ziehen – zumal eine ernst gemeinte, sachliche Diskussion über die Notwendigkeit einer jüdischen Nationalbewegung von Seiten der Nutzer:innen des Begriffs Antizionismus kaum zu erkennen ist. Aber angesichts des Holocaust und der Notwendigkeit, dass Jüd:innen einen sicheren Lebensort einfordern können, hat Die Linke zurecht das Existenzrecht Israels in ihr Grundsatzprogramm aufgenommen:
„Deutschland hat wegen der beispiellosen Verbrechen der Deutschen an den Jüdinnen und Juden während des deutschen Faschismus eine besondere Verantwortung und muss jeder Art von Antisemitismus, Rassismus, Unterdrückung und Krieg entgegentreten. Insbesondere diese Verantwortung verpflichtet auch uns, für das Existenzrecht Israels ein zutreten.“
Die Linke trägt eine historische Verantwortung dafür, dass die in ihr organisierten Linken nie wieder dem Antisemitismus frönen. Deswegen hat der Antizionismus in unserer Partei keinen Platz.
Fußnoten:
(1)Rede zur Gedenkfeier am 28.1.2026 im Bundestag, zit. nach „Blätter für deutsche und internationale Poltitk“ 3/2026, S.81
(2)Peter Ullrich, Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an
Israel in Deutschland, in Jahrbuch für Antisemitismusforschung, S.106, api-depositonce.tu-berlin.de/server/api/core/bitstreams/690d3134-6fe1-4ea6-9ae4-44dc03e1f190/content (zuletzt abgerufen am 14.3.3026)
(3)Klaus Holz/Thomas Haury, Antisemitismus gegen Israel, S.32
(4)Holz/Haury, S. 54
(5) für die folgenden Ausführungen Holz/Haury, S. 113Ff
(6) hierzu: Holz/Haury, S. 151Ff
(7) x.com/JTrittin/status/996765691796697089 (zuletzt abgerufen 14.3.2026)
