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17. September 2013 Jan van Aken

„This result leaves us with deepest concern.“ Zusammenfassung & Bewertung des UN-Berichts zum Sarin-Angriff in Syrien

Der Bericht stellt fest, dass Boden-Boden Raketen mit dem Nervengas Sarin auf die Stadtteile Moadamiyah und Zamalka / Ein Tarma bei Damaskus gefeuert wurden. An Raketenresten sowie unmittelbar neben den Einschlagstellen wurde Sarin chemisch identifiziert. Auch in Blut- und Urinproben von vielen Opfern wurde Sarin bzw. dessen Abbauprodukte gefunden. Die Inspektoren schließen ihren Bericht mit dem Satz: „This result leaves us with the deepest concern.“


Opfer

Von 34 untersuchten Überlebenden in Zamalka und Moadamiyah testeten 29 positiv auf Sarin bzw. dessen Abbauprodukte im Blut. Viele Überlebende berichteten, dass nach dem Einschlag mehrerer Raketen in der Gegend plötzlich Symptome wie Kurzatmigkeit, Übelkeit oder Bewusstlosigkeit einsetzten. Einige Überlebende haben ihre gesamte Familie bei dem Angriff verloren. Auch einige Ersthelfer litten nach Kontakt mit Betroffenen unter diesen Symptomen.


Munition in Moadamiyah

In Moadamiyah konnte die verwendete Munition nicht eindeutig identifiziert werden. Keine der dort genommenen Umweltproben oder Proben von möglichen Raketenteilen testete eindeutig positiv auf Sarin oder Sarin-Abbauprodukte.

Die Sache wird hier durch widersprüchliche Laborergebnisse kompliziert: Eines der beiden UN-Labore konnte in keiner einzigen Probe aus Moadamiyah etwas finden. Das andere Labor fand in einer Bodenprobe sowie an einem Metallstück Abbauprodukte von Sarin. Diese Proben sollten wenn möglich noch von einem dritten Labor untersucht werden, bis dahin muss von einem unklaren Ergebnis ausgegangen werden. Verwirrend ist hier auch, dass die Probe 3 in Appendix 6 (S. 24) und in Appendix 7 (S. 27) unterschiedlich bezeichnet wird.

Die Proben stammen von der Terrasse eines Wohnhauses, in dem nach Angaben von Betroffenen viele Menschen am 21. August vergiftet wurden. Der UN-Bericht sagt nicht, ob Überlebende aus diesem Gebäude auch positiv auf Sarin getestet worden waren. Auf der Terrasse fanden die Inspektoren einen intakten Raketenmotor, Durchmesser 140mm, auf dem unter anderem auch kyrillische Buchstaben eingraviert waren.

Zusammenfassend muss man sagen, dass in Moamadiyah zwar eindeutig auch Sarin eingesetzt wurde, das ergibt sich aus der Analyse der Blutproben von Überlebenden. Allerdings bleibt unklar, ob der von den Inspektoren besuchte Ort in Moamadiyah direkt im Zusammenhang mit dem Sarin-Angriff stand und mit welcher Art von Munition hier Sarin eingesetzt worden ist.
An einer Stelle (S. 23) deutet der Bericht bezüglich der Raktenfunde in Moamadiyah an, dass mögicherweise „improvisierte“ Sprengköpfe eingesetzt wurden: „M14 artillery rocket, with either an original or an improvised warhead“. Was genau die UN-Inspekteure hier mit dem Begriff „improvisiert“ meinen, bleibt unklar. Allerdings sind in den vergangenen Wochen bereits mehrfach so genannte improvisierte Raketen in Verbindung mit möglichen Chemiewaffen-Angriffen gezeigt worden, zum Beispiel auf dem Blog brown-moses.blogspot.co.uk. Es scheinen auch Videos zu kursieren, auf denen reguläre syrische Soldaten mit improvisierten Raketen gezeigt werden, insofern bedeutet der Begriff „improvisiert“ nicht automatisch, dass es sich um Eigenbauten der Rebellen handelt.


Zamalka / Ein Tarma

Anders ist die Situation in Zamalka, da wurde eindeutig Sarin auch auf Raketenresten identifiziert. Dort wurden sowohl auf dem Dach eines fünfstöckigen Wohnhauses als auch auf einer nahegelegenen Freifläche Raketenreste gleichen Bautyps gefunden.

Es handelt sich um Raketen mit einem Motordurchmesser von ca. 120mm und einem dickeren Sprengkopf mit ca. 360 mm Durchmesser. Der Sprengkopf hat ein Fassungsvermögen von ca. 56 Litern. Diese Raketen scheinen denen zu entsprechen, die auf dem Brown-Moses-Blog als „UMLACA“ bezeichnet werden.

Sowohl an Metallfragmenten und in Bodenproben, aber auch in Wischproben aus dem inneren des Sprengkopfes wurden Sarin-Abbauprodukte von beiden Laboren identifiziert. In einigen Proben – so an einem Metallbolzen vom Sprengkopf – wurde sogar reines Sarin nachgewiesen („GB“ in den Listen Seite 30 ff. GB ist eine übliche Bezeichnung für Sarin).


Mögliche Abschussorte

Für zwei Raketen haben die UN-Inspektoren anhand der vor Ort gefundenen Spuren eine mögliche Flugbahn errechnet. Eine Rakete in Moamadiyah scheint aus nordöstlicher Richtung („azimuth of 215 degrees“) gekommen zu sein, eine Rakete in Zamalka / Ein Tarma aus nordwestlicher Richtung („105 degrees“). Wie akkurat diese Angaben sind und vor allem, über welche Distanz die Raketen abgeschossen wurden, kann nicht eingeschätzt werden. Mögliche Schnittpunkte dieser beiden Flugbahn würden über 10km von den Einschlagsorten entfernt liegen und damit wohl außerhalb der Reichweite der in Moamadiyah gefundenen russischen 140mm Raketen.


Mögliche Urheber des Angriffs

Auch nach Veröffentlichung des UN-Berichtes bleibt offen, wer für den Angriff verantwortlich ist. Weder aus der Art der verwendeten Munition noch aus einer groben Ermittlung möglicher Abschussorte lässt sich schließen, wer am 21. August die tödlichen Raketen abgeschossen hat. Wichtigstes Ergebnis der UN-Untersuchung ist, dass tatsächlich Sarin eingesetzt wurde. Dieses Verbrechen gegen die Menschheit – ein Verstoß gegen die Genfer Konvention – muss unbedingt aufgeklärt werden.