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10. Juni 2011 Bürgerschaftsfraktion

Schwimmunterricht: Eine glatte Sechs!

 

Der durchschnittliche Nichtschwimmeranteil am Ende der Grundschulzeit liegt nach Angaben des DLRG-Präsidenten gegenwärtig bei 43 %. In den Antworten auf die kleine Anfrage der LINKEN zur "Situation des Schwimmenlernens und des Schwimmunterrichts" (Drs 20/655) verweist der Senat darauf, dass im Schuljahr 2009/10 82,8% der GrundschülerInnen das Frühschimmabzeichen "Seepferdchen" erworben haben. Die Schuld für die dramatische soziale Schlagseite bei den Schwimmfähigkeiten tragen laut Senat die Eltern. Über den Stundenausfall beim Schwimmunterricht und über Lehrschwimmbecken kann der Senat keine Angaben machen.

Der sportpolitische Sprecher der Bürgerschaftsfraktion, Dr. Joachim Bischoff, übt daran scharfe Kritik: "Tatsächlich erlernt nur rund die Hälfte der Hamburger Kinder in der Grundschule richtig Schwimmen. Das ist in einer Hafen- und angeblichen Sportstadt schon ein Trauerspiel. Doch wenn man sich auch noch vergegenwärtigt, dass in gut betuchten Stadtteilen oft mittels privat bezahlter Schwimmkurse - sie kosten für Kinder 130, für Erwachsene 154 Euro, also z.B. für Hartz-IV-BezieherInnen und ihren Nachwuchs selbst mit ,Bildungspäckchen' von 10 Euro pro Monat unerschwinglich - nahezu 100 % der Kinder bis zum Ende der vierten Klasse Schwimmen lernen, in Billstedt und Wilhelmsburg dagegen bisweilen nicht einmal 5 %, dann haben wir es mit einer dramatischen sozialen Ungerechtigkeit zu tun. Doch den Senat hat das nur mäßig gekümmert, denn in den vergangenen gut zwei Jahren hat sich an den dramatischen Zahlen nichts verbessert."

Sicher schwimmen kann man mit dem Frühschimmabzeichen "Seepferdchen" nicht. Es umfasst als Voraussetzung einen Sprung vom Beckenrand, 25 Meter Schwimmen sowie das Heraufholen eines Gegenstandes aus schultertiefem Wasser. Es heißt auf der Rückseite der Urkunde: "Die erfüllten Anforderungen des Seepferdchens bedeuten nicht, dass Ihr Kind schon ein sicherer Schwimmer ist!" Das sei erst mit dem Jugendschwimmabzeichen-Bronze erreicht. Doch diesen im Volksmund so titulierten "Freischwimmer" erreichen auch nach Behördenangaben lediglich 58,7 % der ViertklässlerInnen (Schuljahr 2009/2010).

Der Senat kann keine Angaben darüber machen, wie viele Pflicht-Stunden im Schwimmunterricht ausfallen, er verweist lediglich auf einen Verein, dem die Ausbildung übertragen ist und der die "Verlässlichkeit des Angebotes" immerhin vertraglich zugesichert habe. Das gilt auch für die Lehrschwimmbecken, da den privaten Trägern in den Überlassungsverträgen "keinerlei Berichts- und Evaluationspflichten" auferlegt wurden. Hier zeigen sich die Folgen davon, Schwimmen privaten Anbietern zu überlassen. Schwimmen lernen wird für viele zum Privatvergnügen, das sich nur Familien mit größerem Geldbeutel erlauben können. Zynisch ist, die Hauptschuld für die mangelnde Schwimmfähigkeit bei den Eltern zu suchen, da sie ,ihren Kindern das Element Wasser als Bewegungsraum nicht vermitteln' konnten.

"Sind die pädagogischen Einrichtungen nicht schließlich auch dafür da, häusliche, schichtenspezifische Benachteiligungen abzubauen und damit für Chancengleichheit zu sorgen? Mich macht diese Argumentation wütend, entlässt sie doch die staatlichen Einrichtungen aus ihrem grundgesetzlich verbrieften Erziehungs- und Bildungsauftrag. Eine glatte Sechs für den Schwimmunterricht in Hamburg! Aus der ehemaligen Schwimmhauptstadt der 1920er Jahre -gemeint ist, dass alle Kinder vernünftig schwimmen lernen, nicht einen WM-Titel - ist eine Schwimmprovinz geworden, in der potenziell die Hälfte der ViertklässlerInnen gefährdet ist. Wir brauchen daher den obligatorischen, früheren Schwimmunterricht an den Schulen, die Einstellung kompetenter Sport- und SchwimmlehrerInnen, Schwimmbäder mit günstigen Eintrittspreisen und den Neubau von Hallen vor allem in benachteiligten Quartieren. Doch davon ist Hamburgs Senat weit entfernt", schließt Dr. Bischoff.