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20. September 2009 Horst Bethge

Zur Sache: »Kumpel, gib fünf Zeitungen. Wir sind fünf Kollegen.«

Horst Bethge aus Hamburg und Marco Winkler aus Neumarkt (Franken) kandidieren für DIE LINKE zur Bundestagswahl. Der eine war 40 Jahre Lehrer, der andere hat gerade die Schule abgeschlossen und eine Ausbildung begonnen. Mehr als 50 Lebensjahre liegen zwischen beiden. Der älteste und der jüngste Kandidat sprechen über ihre Eindrücke aus dem Wahlkampf, über Generationengerechtigkeit, Wege aus der Bildungsmisere in der Bundesrepublik und ihre ganz persönlichen Beweggründe, sich für DIE LINKE zu engagieren.

Horst, welche Gründe hast du, dich diesem Wahlkampf zu stellen?

Horst Bethge: Erstens: Direkt vor Ort –neudeutsch 'face to face' - ist bei den Leuten die Bereitschaft größer zuzuhören, welche Vorschläge wir haben, was LINKE sagen. Wir werden dahin eingeladen, wo wir sonst nicht hinkommen. Zweitens kann man direkt überprüfen, wie unsere Argumente ankommen, ob wir verstanden werden. Und wir werden auf neue Probleme und Ansichten gestoßen. Drittens: Ich kann Erfahrungen einbringen und Vergleiche. Wie war es früher, was ist neu, was ist anders und warum? Nicht zuletzt: Es macht Spaß!

Und Marco, was motiviert dich?

Marco Winkler: Ganz wichtig ist für mich, jungen Menschen ein Vorbild zu sein und zu zeigen: Hey, ihr könnt das auch, ihr seid Teil eines gestalterischen politischen Systems. Und natürlich zu beweisen, dass auch Jugendliche direkte Politik machen können. Richtig aktiv bin ich schon seit vier, fünf Jahren. Angefangen hat es mit einer Gruppe gegen Faschismus und Rassismus in meiner Heimatstadt Neumarkt in Franken.

Das wievielte Mal kandidierst du für DIE LINKE?

Horst Bethge: Zum zweiten Mal - bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 2008 und jetzt. Zuvor war ich aber schon dreizehn Mal aktiv und auch als Kandidat und als Wahlkämpfer direkt beteiligt - für SPD, DFU, ADF, Friedensliste, Regenbogen und PDS.

Welche Erlebnisse hattet Ihr in diesem Wahlkampf? Was bleibt besonders in Eurer Erinnerung haften?

Marco Winkler: Bis dato konnte ich relativ chaotische und anstrengende Erfahrungen sammeln, da wir sehr wenige im Kreisverband sind. Die guten Erlebnisse kommen sicher noch an den Infoständen in der letzten Wahlkampfwoche. Vieles kannte ich bereits aus dem Landtagswahlkampf, aber bestärkt wurde ich in meinem Organisationstalent und meiner Durchsetzungsfähigkeit.

Horst Bethge: Ich hatte sehr viele einprägsame Erlebnisse. Einmal zückte eine Rentnerin ihr Portemonnaie am Infostand und übergab eine Spende von 10 Euro. 'Ich hab’ das letzte Mal `nen Flyer mitgenommen und gelesen. Das unterstütze ich', erklärte sie. Aber auch die Zustimmung in der Diskussion mit 180 studierenden Offizieren der Bundeswehrhochschule zu meinem Satz: 'Der Krieg in Afghanistan ist mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen, weshalb es verbrecherisch ist, immer mehr junge Soldaten in einem Krieg mit der Bevölkerung zu verheizen und zivile Opfer zu schaffen.' Schockierend war, zu welcher Stimmung das bornierte so genannte Bildungsbürgertum an der Elbchaussee fähig ist, seine Privilegien zu verteidigen gegen selbst die geringste Erhöhung der Chancengleichheit, wenn zum Beispiel die Hamburger Kinder in Zukunft zwei Jahre länger gemeinsam mit den 'Schmuddelkindern' lernen sollen. Schön ist auch, wie Kinderaugen aufleuchten, wenn beim Jenfelder Kinderfest - unserem Fest in einem Problemviertel - gesagt wird: 'Die Hüpfburg und die Roller-Bob–Bahn wie alle Spiele heute sind kostenlos. Dann hol ich schnell meine drei Geschwister!' Und nicht zu vergessen, die heruntergekurbelte PkW- Scheibe am Tor zu OTTO-Logistic, wo wir morgens um 6 Uhr zum Schichtbeginn zum vierten Mal verteilen: 'Kumpel, gib fünf Zeitungen. Wir sind fünf Kollegen.'

DIE LINKE setzt sich für eine nachhaltige Politik im Interesse von Jung und Alt ein. Was ist für euch ganz persönlich Generationengerechtigkeit, und welchen Beitrag können ältere Menschen dazu leisten?

Horst Bethge: Dass die Alten den Jungen so viel Wissen wie möglich mitgeben, wie die Welt wirklich ist. So viel Lust darauf zu vermitteln, das eigene Leben zupackend zukünftig zu gestalten. Dazu gehört, die Vergangenheit nicht zu verklären, und zu sagen, dass früher alles besser gewesen wäre, sondern lebendig zu schildern, dass Fortschritt immer erkämpft werden muss.

Marco Winkler: Das sehe ich auch so. Die Alten müssen sich genau überlegen, was sie den Jungen mitgeben wollen. Und Letztere sollten dann dieses Erbe weitertragen, ausbauen und vielleicht sogar an die Alten noch zurückgeben. Als junger Mensch hat man die Möglichkeit, sich früh für soziale Politik zu engagieren und natürlich Zivilcourage zu zeigen. Sei es, indem man einer älteren Person hilft oder gar in einer karitativen Einrichtung tätig ist.

Hast du dich deshalb entschlossen, eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger zu machen?

Marco Winkler: Ja, mir liegt die Arbeit mit Menschen am Herzen. Festgestellt hatte ich das in einem halbjährigen Praktikum, das mir auch klar machte, dass ich ins Gesundheitswesen muss.

Horst, du bist 40 Jahre Lehrer gewesen. Das Thema Bildungspolitik ist momentan sehr brisant. Was muss sich auf diesem Gebiet dringend verbessern?

Horst Bethge: Gebührenfreie Bildung - von Kita bis Studium und Weiterbildung. Längeres gemeinsames Lernen, was die Chance bedeutet, von und miteinander zu lernen. Mehr ErzieherInnen, LehrerInnen, DozentInnen für weniger Kinder, SchülerInnen, StudentInnen. Das lässt mehr Zeit für Lern- und Erkenntnisprozesse. Dies ist nicht vermarktbar. Alle Parteien reden jetzt davon, wie wichtig Bildung ist. Doch in Deutschland sind im Zweifelsfall die Banken wichtiger: Sie seien systemwichtig. Als wenn es nicht die Bildung wäre. Vielleicht nicht für den Kapitalismus, aber für die Menschheit, weil sie das Überleben aller Menschen sichert.

Als Auszubildender bist du direkt von der Bildungsmisere betroffen.

Marco Winkler: Es muss für alle die gleichen Chancen geben. Dazu gehören auch Umschulungen oder Fortbildungen. Nach 13 Jahren Schullaufbahn und vier verschiedenen Schulen kann ich sagen, dass Chancengleichheit und Durchlässigkeit nicht bestehen und dass das dringend geändert werden muss.

Gehst du offen mit deinem Engagement und deiner Kandidatur für DIE LINKE gegenüber Mitschülern und Mitschülerinnen um?

Marco Winkler: Es war für mich nie ein Thema, meine Parteizugehörigkeit zu verstecken. Probleme gab es da selten - weder bei Lehrern noch bei Schülern. Einzig allein mit ein paar sehr konservativen Mitschülern. Da lag das Problem aber eher an deren allgemeiner politischer Einstellung.

Welche Vorstellung hast du: Wie sollte Deutschland in 20 Jahren aussehen?

Horst Bethge: Es darf keinerlei Ausbeutung der Menschen durch Menschen, kein Zurücklassen oder Beschämen geben. In blühenden Landschaften sollen fröhliche, selbstbewusste Menschen in Frieden leben, keiner aber auf Kosten des anderen. Wissenschaft und Produktivitätsfortschritt würden es nämlich ermöglichen, dass das kapitalistische System verzwergt.

Marco, du bist Vater eines kleinen Sohnes. Was muss sich verändern, damit dein Sohn gut in Zukunft leben kann?

Marco Winkler: Deutschland muss sozialer, familienfreundlicher und fortschrittlicher werden. Angefangen bei einer sauberen und regenerativen Energieerzeugung über eine direkte und bedingungslose Sozialpolitik bis hin zu einem stabilen und umfassenden Gesundheitssystem.

Horst, bereits in deiner Jugend hast du dich aktiv in der Friedensbewegung engagiert. Und heute fordert der Afghanistan-Krieg wieder Opfer auf beiden Seiten, den Zivilisten und Soldaten. Welchen Ausweg seht Ihr aus dieser Spirale von Gewalt?

Horst Betghe: Sofortiger, geordneter Abzug aller fremden Truppen. Einsatz der eingesparten Gelder für Brunnen, Straßen, Schulen. Interkultureller Dialog im Sinne friedlicher Koexistenz anstatt imperialistischer Politik. Wenn sich die Politik in Berlin, Washington und London ändert, ändert sie sich auch in den Tälern von Herat und Kundus.

Marco Winkler: Krieg ist das Ergebnis von Politik, die versagt hat. Wäre Afghanistan ein Hilfseinsatz, brauchten wir nicht 3300 Soldaten in diesem Land. Und der Großteil des Geldes wird irgendwie nicht zum Wiederaufbau verwendet. Komisch, nicht wahr?

Und was ist Euer Lebensmotto?

Marco Winkler:  Mein Lebensmotto stammt von Sophie Scholl: 'Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben.'

Horst: Eigentlich habe ich keines. Und wenn schon: Hol di stiev! Halte dich steif - aufrecht, senkrecht, gerade!