„Wir sind Zeugen eines emanzipatorischen Ereignisses, und auch wenn es dem Regime gelingt, die Proteste niederzuschlagen, wird nichts mehr sein wie zuvor“ (Slavoj Zizek, FAZ 28. 6. 09)
Obwohl die Teilnahme der Bevölkerung an Demonstrationen unterbrochen ist und der Widerstand mit brutalem Einsatz der Polizei und der Paramilitärische Organisation Bazidschi niedergeschlagen wurde, sind die Ereignisse im Iran immer noch beherrschendes Thema aller Medien. Sie unterstellen den Millionen Menschen, die jeweils in Teheran und in allen anderen Städten Irans demonstrieren, bloß Anhänger des unterlegenen Präsidentschaftskandidaten, des Helden der westlichen Medien, des Islamisten Mir Hussein Mussawi zu sein und ihre Wut auf die Straße zu tragen, weil sie bitter enttäuscht sind, dass sie betrogen wurden, weil er nicht ihr Präsident wurde. Bestimmt finden sich unter den Protestierenden viele Menschen, die sich erneut der Illusion hingeben, dass die Islamische Republik durch einen Personalwechsel reformierbar sei. Sie haben die Versprechungen von Ex-Präsident Khatami und die Zerschlagung der Studentenbewegung nach seiner Wahl vor zehn Jahren vergessen und nun leidenschaftlich für Mussawi gekämpft. Für den Mann also, der während seiner achtjährigen Amtszeit (1981-1988) als Ministerpräsident u. a.
Parallel dazu versuchen die westlichen Medien den unterlegenen Kandidaten als „Reformer“ und „Demokraten“ zu verkaufen. Wieso war die Stimme dieses „Demokraten“ nicht zu hören, als unter den 470 Personen, die für das Amt des Präsidenten kandidierten – darunter auch 20 Frauen – nur er und drei weitere übrig blieben, die systemkonform genug waren, um kandidieren zu dürfen?
Als internationalistische Linke erinnern wir uns in dieser Situation an drei Grundsätze, geboren aus langer Erfahrung:
Im Iran geht es konkret um den Machtkampf zweier islamistischer Lager unter den im Iran Herrschenden. Die Wahlmanipulationen sind nur der Anlass für die Demonstrationen, deren tiefere Ursache aber die breite Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation und der sozialen Lage im Iran ist:
Der unterlegene Kandidat und seine Hintermänner versuchen, die Proteste, die sich an den Wahlmanipulationen entzündeten, für ihre Zwecke auszunützen. Noch ist nicht entschieden, ob eine dieser islamistischen Strömungen die Macht an sich reißen wird oder ob die Bevölkerung Irans das Islamistische Regime insgesamt zerschlagen wird. Ob die politische Krise zugunsten eines der reaktionären Lager entschieden wird oder ob die Protestbewegung sich im Laufe der Proteste radikalisiert und beide Lager hinter sich lässt. Das wird die Zukunft zeigen.
Dieser Machtkampf wird im Iran entschieden werden. Unsere Solidarität gilt der protestierenden Bevölkerung, den aktiven Frauen, Arbeitern, Busfahrern, Lehrern, Studenten. Schon deshalb müssen wir gegen die Ausübung jeder Gewalt gegen die Opposition sein, gegen die Verhaftungen und Mißhandlungen. Wir erinnern daran, dass seit Jahren im Iran Gewerkschafter, linke StudentInnen und Frauen verfolgt werden, ohne dass es eine Resonanz in unseren Medien gefunden hätte, und dass es in den 80ger Jahren unter Mussawi als langjährigem Ministerpräsidenten eine Hinrichtungswelle und den Iran-Irak-Krieg gab.
Dennoch kann die Linke nicht an einer außeren Einmischung interessiert sein: Der Iran ist zu eng mit allen Nah-Ost-Konlikten verbunden. Er wird Verhandlungspartner bei der Lösung der Nah-Ost-Konflikte sein müssen, wozu nach den Prinzipien der friedlichen Koexistenz alle Möglichkeiten der Diplomatie und der Verhandlungen ausgeschöpft werden müssen. Die neuerlichen Umbrüche und sozialen Spannungen im Iran zu lösen aber ist vor allem Sache des iranischen Volkes.
Nicht zuletzt müssen wir die Scheinheiligkeit Angela Merkels zurückweisen: Wer für den Iran fordert, „friedliche Demonstrationen zuzulassen“ und „keine Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden“, aber selber im eigenen Land beim letzten NATO-Gipfel in Kehl/Strassburg das Recht auf freie Meinungsäußerung unterbunden und unverhältnismäßig brutale Polizeigewalt gegen Demonstranten ausgeübt hat, hat jedes Recht verloren, andere da zu kritiseren und ist zutiefst unglaubwürdig. Dann sollte sie lieber den Mund halten.