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12. November 2008 Frauen- und Gleichstellungspolitk

Warum die Frauenquote unabdingbar ist - in Ämtern, Mandaten und Jobs

Eine Quotenfrau ist eine, die nicht vorne ist, weil sie Durchsetzungsvermögen gezeigt, Akzeptanz gewonnen hat oder Mehrheiten aufgrund ihrer Überzeugungskraft gewinnen konnte, sondern weil sie Begünstigte einer dogmatischen Regel ist. Die Quote ist überflüssig, sagen manche. Sie sei sogar diskriminierend, finden einige. Sie sei reaktionär, sagen andere. Sie behindert Männer, glauben wenige.

Die Quote ist die Antwort demokratischer Kräfte in einer Gesellschaft, die der Frau eine diskriminierende Rolle zugeschrieben hat. Zwar ist die Gleichberechtigung im Grundgesetz festgeschrieben, durch Gerichtsurteile bestätigt und in etlichen Gesetzen manifestiert. Auch in der Alltagswahrnehmung stehen Frauen heute ihren Mann: Eine deutsche Frau darf rauchen, sie darf im Großen und Ganzen selbst über ihren Bauch entscheiden sowie den Beruf, den sie erlernen möchte. Sie darf sich ihren Ehepartner selbst auswählen - und nicht nur das: sie darf auch ihren Geburtsnamen trotz Heirat weiterhin tragen. Fast kommt man ins Schwärmen: Frauen haben heute die besseren Schulabschlüsse, werden Physikerinnen, Geschäftsführerinnen, Bundeskanzlerinnen.

Doch faktisch ist die Frau nach wie vor das nachrangige Geschlecht - und das nicht nur wegen der bekannten Daten: Sie werden durch kostenlose Arbeit im Reproduktionsbereich massenhaft ausgebeutet - egal ob zudem berufstätig oder nicht. Sie verdienen ein Viertel weniger als Männer, sie haben aufgrund von Teilzeitarbeit, Niedriglöhnen, Hausfrauen-, Erziehungs- und Pflegezeiten aufgrund ständig unterbrochener Erwerbsbiographien ein sehr viel höheres Armutsrisiko als Männer. Sie sind in der Gesundheitsvorsorge benachteiligt, in der medizinischen Forschung Randobjekt. Gewalt gegen Frauen ist Alltag, physisch, psychisch - oft genug tun sie ihrem Körper und ihrer Seele auch selbst Gewalt an. Psychische Krankheiten aufgrund ein völlig instabilen Selbstwertgefühles, u.a. Essstörungen, sind epidemisch unter Frauen verbreitet und werden erst seit wenigen Jahren intensiver erforscht.

Die objektiven Bedürfnisse von Frauen und Männern bestehen darin, ein langes, gesundes Leben zu führen, romantische Vorstellungen und sexuelle Bedürfnisse befriedigen zu können, eine freie Entscheidung für Partnerschaften und ihrer jeweiligen Dauer sowie Nachkommenschaft treffen zu dürfen. Zu den objektiven Bedürfnissen gehören zudem die individuelle Entwicklung von Intellektualität, das Betreiben von Forschung und der Möglichkeit einer angemessenen Teilhabe an der gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Diese objektiven Bedürfnisse kollidieren mit der kapitalistischen Produktionsweise und den darauf angepassten Staat. Menschen gruppieren sich im Kapitalismus wie in den patriarchalen Gesellschaftsformen zuvor in Klassen und Milieus und haben kaum eine Chance, ihnen nennenswert und grundsätzlich zu entfliehen. Ob in der Schule, bei der Berufswahl, an der Universität, in der späteren Partnerwahl, selbst bei der Wahl des Wohnortes - die Auslese ist scheinbar ein Automatismus, man bleibt dort, wo man hineingeboren wurde.

Die Geschlechter werden durch den Zustand der Gesellschaft gespalten

Die Spaltung der Gesellschaft in weiblich und männlich wird immer dann besonders sichtbar, wenn es um entscheidende Weichenstellungen geht: Frauen sind als Gruppe aufgrund ihrer gesellschaftliche Rolle nicht durchsetzungsfähig, gleichgestellt neben den Männern in dieser Gesellschaft zu leben. Dies gilt unabhängig davon, dass aufgrund der raschen Fortentwicklung der kapitalistischen Gesellschaft bestimmte Menschenrechte für Frauen erkämpft werden konnten. Die grundlegende Befreiung der Frauen durch die doppelte Unterdrückung wird sich von allein nicht aufheben. Zu tief ist das Denken weiblich und männlich geprägt, zu tief verankert ist die Tatsache, dass dadurch, dass bei einem Menschen die Geschlechtsorgane außen liegen und beim anderen innen, dass sie eine unterschiedliche Wertigkeit haben - bis hin zur aktiven und bisweilen aggressiven Selbstverleugnung von Frauen selbst (“Ich habe es doch auch geschafft…!”). Denn auch die allermeisten Frauen - bis auf eine relativ kleine Gruppe von ausgeprägt feministische denkenden Frauen (und natürlich auch Männern) - akzeptieren die Ungleichheit und sind deswegen auch gegen die Quote, weil sie sie für sich individuell als nicht erforderlich ansehen und weil sie die Notwendigkeit für einen kollektiven Kampf nicht sehen. So wie die Arbeiterbewegung in den 1980erJahren die 35-Stunden-Woche erkämpfte und zurzeit die Verlängerung der Arbeitszeiten nichts entgegensetzen kann (obwohl sie objektiv zwingend notwendig ist, um Massenarbeitslosigkeit und Armut zu bekämpfen), droht die Quote zugunsten des Faktischen dann und wann und immer öfter geopfert zu werden: Männer drängen massiv in dringend zu besetzende Ämter, Mandate und Jobs - der grundlegende Gedanke und Sinn der Mindestquote rückt in den Hintergrund.

Die Quote schärft den Blick für Benachteiligungen

Auch in der noch neuen linken Partei wird von einigen die Mindestquotierung von 50 Prozent in Frage gestellt. Dabei geht es nicht nur theoretisch, sondern konkret anhand des eigenen Politikstils darum, gesellschaftliche Verhältnisse emanzipatorisch zu verändern, die nicht zuletzt durch die strukturelle Benachteiligung von Frauen charakterisiert sind. Das ist der Grund für die Quote: Sie unterstützt Frauen dabei, gleichermaßen am öffentlichen Bereich teilzuhaben, Politik zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Dies ist ein wichtiges Ziel für eine Partei, die sich in der Tradition der Frauenbewegung sieht und die tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern anstrebt. Ohne die ausdrückliche Verankerung von speziellen Frauenrechten bleibt emanzipatorische Politik nur ein Lippenbekenntnis, unverbindlich. Das dies ein stetes Ringen und das immer wieder Aufwerfen des eigenen Selbstverständnisses bedingt und Mühe macht, stellt niemand außer Frage. In der Verwirklichung dieses Grundsatzes muss es aber auch heißen, aushalten zu können - sprich, Frauen die Plätze frei zu halten und nicht durch Männer aufzufüllen.

Die 50 % Mindestquote schärft den Blick für Benachteiligungen und eröffnet die Chance, uns selbst als Menschen und als Partei zu verändern und tief verankerte Denkstrukturen und Verhaltensweisen aufzubrechen. Bei der Verwirklichung von Frauenrechten geht es nicht nur darum, der Diskriminierung von Frauen, sondern auch der Alltagsprivilegierung von Männern entgegenzutreten. Wir wissen, dass Männer aufgrund ihrer Erziehung dominanter auftreten könne, besser in der Selbstdarstellung (und manchmal auch im Übertreiben) ihrer Fähigkeiten sind. Frauen neigen aufgrund ihrer Prägung eher zur zerfleischenden Selbstkritik, sind eher bescheiden im Selbstdarstellen (Ausnahmen bestätigen immer die Regel). Dieses Wissen müssen wir berücksichtigen, wenn wir Frauen fördern und fordern wollen.

Die Quote bietet noch keine Garantie, dass gesellschaftliche Verhältnisse verändert werden, und die strukturelle Benachteiligung von Frauen aufgebrochen wird. Aber in dem wir unseren Anspruch verwirklichen, sind wir einerseits Vorbild, wir machen selbst diese praktische Erfahrung und tragen dazu bei, eine geschlechtergerechte Politik zu entwickeln - die auch Benachteiligungen von Männern letztendlich aufhebt. So tragen wir dazu bei, dass die vielfältigen Spaltungen in sich aufgehoben werden. Denn nur im gemeinsamen Kampf kann diese Gesellschaft mit ihrem Ausbeutungscharakter, ihrer Zuspitzung in arm und reich und Verelendung, während andere im Luxus schwelgen, überwunden werden.

Kersten Artus, August 2008
siehe auch http://kerstenartus.de