Mit 116.000 Unterschriften hat das Volksbegehren (VB) für eine Rekommunalisierung der Energieversorgungsnetze (Strom, Gas, Fernwärme) in Hamburg und für eine direkt-demokratische Kontrolle eines zukünftigen städtischen Netzbetreibers einen großen Erfolg erzielt.
Die Forderung lautet: Senat und Bürgerschaft unternehmen fristgerecht alle notwendigen und zulässigen Schritte, um die Hamburger Strom- Fernwärme und Gasleitungnetze 2015 wieder in die Öffentliche Hand zu übernehmen. Verbindliches Ziel ist eine sozial gerechte, klimaverträgliche und demokratisch kontrollierte Energieversorgung aus erneuerbaren Energien.
Stimmen einem Volksbegehren mindestens 5% (knapp 63.000) wahlberechtigte HamburgerInnen zu, können die Initiatoren des VB einen Volksentscheid verlangen, falls Senat und Bürgerschaft die Forderungen nicht übernehmen.
Die Forderungen des Bündnisses entsprechen denen der LINKEN, während alle anderen Bürgerschaftsparteien die Privatisierung gesellschaftlicher Daseinsfürsorge und anderen öffentlichen Eigentums aktiv betrieben haben. Die GAL (Grüne in Hamburg) hat das Volksbegehren unterstützt, aber eine grundsätzliche Abkehr von der neoliberalen Privatiserungspolitik gibt es bis heute nicht.
Mitglieder der LINKEN haben ca. 10.000 Unterschriften gesammelt. Die Partei hat vor und während der Kampagne das das Bündnis in vielfältiger Weise durch Öffentlichkeitsarbeit, organisatorisch, personell und finanziell unterstützt. Die Bürgerschaftsfraktion war durch eigene Materialien (Plakat, Flyer), Aktivitäten in der Bürgerschaft usw. aktiv.
DIE LINKE hat in nicht versucht, das VB für das eigene öffentliche Auftreten zu instrumentalisieren, sondern sie hat das Bündnis nach Kräften unterstützt. Gerade dadurch hat sie im Bündnis und den dieses tragenden Organisationen deutlich an Glaubwürdigkeit und an Statur gewonnen.
Das Bündnis stellt – hier natürlich für die Energieversorgung - die Eigentums- und die Machtfrage.(= Demokratiefrage). Diese Fragen zu stellen, ist auch Aufgabe jeder linken Partei, wenn sie diesen Namen verdienen will.
Das ist in der LINKEN nicht unumstritten. Manche GenossInnen verweisen mit Recht darauf, dass staatliches Eigentum etwa in der DDR oft nicht im Interesse der Menschen genutzt wurde. Auch in der alten und neuen BRD gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie öffentliches Eigentum nicht im Interesse der Bevölkerung gebraucht wurde bzw. wird. Die Deutsche Bahn ist ein solches Beispiel, ebenso die Landesbanken. Andererseits hat die Privatisierung öffentlichen Eigentums in den letzten zwei Jahrzehnten fast durchweg drastische Nachteile für die Menschen gebracht, die die einstmals öffentlichen Leistungen nutzen (müssen). Solche Erfahrungen gibt es in der Wasser- und Energieversorgung, bei Krankenhäusern, im Bildungs- und Pflegebereich, beim ÖPNV, bei Wohnungsunternehmen u. a. Die nahezu durchgehende Erfahrung ist: Die Preise steigen, die Leistungen sinken, die Bedingungen für die Beschäftigten verschlechtern sich, es werden Arbeitsplätze vernichtet, soziale und ökologische Kriterien spielen keine Rolle. Auf diesem Hintergrund versuchen Kommunen seit Jahren, die Energieversorgung und andere Leistungen wieder in die Hand zu bekommen. Bürgerbewegungen wie der Wassertisch in Berlin oder das Bündnis Unser Hamburg – unser Netz kämpfen für eine Rekommunalisierung.
Die Erfahrungen zeigen: Öffentliches Eigentum an gesellschaftlicher Daseinsfürsorge (Wasser, Energie, Gesundheit, Bildung, Pflege, Mobilität) ist eine notwendige, aber noch keine hinreichende Voraussetzung für eine Orientierung an sozialen und ökologischen Interessen der Menschen. Die muss in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung durchgesetzt werden. Der Kampf um eine sozial gerechte und klimaverträgliche Energieversorgung aus erneuerbaren Energien und um demokratische Kontrolle öffentlicher Unternehmen ist allerdings wesentlich erfolgversprechender, wenn er mit der eigenen Stadt- oder Landesregierung geführt werden kann als gegenüber einem landesweit oder international agierenden Großkonzern.
DIE LINKE Hamburg hat eine klare ablehnende Haltung gegenüber der Privatisierung öffentlichen Eigentums, besonders gesellschaftlicher Daseinsfürsorge. Trotzdem war die Mobilisierung der LINKEN Hamburg kein Selbstgänger und sie ist nicht vollständig gelungen. Auf dem Hintergrund innerparteilicher Konflike in der Bundespartei, aber auch in einigen Bezirksorganisationen und mehrerer verlorener Volksbegehren gab es bei vielen Mitgliedern große Zweifel an der eigenen Wirksamkeit, die oft auch auf die außerarlamentarischen Bewegungen übertragen wurden. Im Laufe der drei Wochen stiegen aber die Aktivitäten deutlich an. Im Ergebnis können wir sagen: Das ist auch unser Erfolg!
Der SPD-Senat muss jetzt Farbe bekennen. Das Angebot von Olaf Scholz, Hamburg solle sich mit 25,1% beteiligen und damit einen „strategischen Einfluss“ auf das Unternehmen bekommen, könnte man als Satire verstehen, wenn Scholz nicht Bürgermeister wäre. Nach dem glänzenden Ergebnis des VB, das sogar zwei frühere SPD-Bürgermeister unterschrieben haben, wird es in der SPD Unruhe geben. Viele Sozialdemokraten haben das VB unterstützt, einige Ortsvereine sogar auf ihrer website. Trotzdem wird Scholz hart bleiben; er scheint für die Hamburger SPD unersetzbar zu sein. Und vor allem sind die Beziehungen zu Vattenfall so eng, dass eine konzernunabhängige Politik von der Hamburger SPD nicht zu erwarten ist.
Es wird zu einem Volksentscheid kommen. Dabei ist sorgfältig zu überlegen, ob dieser aus Sicht des Bündnisses 2012 oder 2013 stattfinden soll. 2013 könnte er parallel zu Wahlen stattfinden. Es besteht allerdings die Gefahr, dass der Scholz-Senat bis dahin Fakten schafft, also neue Verträge mit Vattenfall abschliesst. 2012 müsste das VB unabhängig von einer Wahl durchgeführt werden; die Mobilisierung einer hinreichend großen Zahl von WählerInnen (Quorum) wäre ein großer Kraftakt.
Die GAL (Grüne in Hamburg) wird sich entscheiden müssen. Will sie mit Rücksicht auf spätere Koalitionen einen Kurs der der Zusammenarbeit – also Unterordnung – mit Vattenfall und Co. fahren oder will sie sich für eine tatsächliche Energiewende einsetzen, die nur gegen die Konzerne machbar ist. Die Grünen auf Bundesebene haben sich dafür entschieden, dem „Atomausstiegsgesetz“ der Bundesregierung zuzustimmen, Trotz deutlicher Warnungen aus der Anti-Atom-Bewegung hatte auch die GAL-Spitze angekündigt, diesem Kurs zuzustimmen. Diese Entwicklung lässt nicht Gutes ahnen.
Ein wirksamer Klimaschutz, der die CO2-Emissionen bis 2020 um 40% gegenüber 1990 senkt, ist nur mit einer Fernwärme möglich, die nicht aus Kohle gewonnen wird. Deshalb wird dem Kampf gegen den Bau der Vattenfall-Fernwärmetrasse aus Moorburg große Bedeutung zukommen.
In Unterstützung des Netze-Bündnisses wird es wichtig sein immer wieder deutlich zu machen, dass eine Energiewende nur ohne Vattenfall und Co. möglich ist, es also wirklich um eine 100%ige Übernahme durch die Stadt geht. Darüber hinaus sollten wir die Stimmung in der Stadt nutzen, für die Rekommunalisierung anderer privatisierter Bereiche (insbesondere Krankenhäuser) zu werben und Plänen zum Verscherbeln weiteren öffentlichen Eigentums entgegenzuwirken.
Betriebsräte und Vertrauensleute bei Vattenfall und E.on haben die Befürchtung geäußert, eine Rekommunalisierung könnte zu Arbeitsplatzverlusten führen. Diese Befürchtungen müssen wir ernst nehmen und nachweisen, dass ein Umbau der Netze eher mehr Arbeit macht. Zudem besteht natürlich die Möglichkeit, Synergieeffekte bei der Netzübernahme für Arbeitszeitverkürzungen zu nutzen. Das Bündnis und auch wir als LINKE müssen verstärkt die Diskussion mit den Betriebsräten und den Gewerkschaften suchen.
Auch dem Argument, die Übernahme sei nicht bezahlbar, müssen wir konsequent entgegentreten mit dem Hinweis, dass (einem BGH-Urteil von 1999 entsprechend) der Preis für die Netze nur so hoch sein darf, dass er durch die Netzerlöse finanziert werden kann. Die Übernahme wird den Hamburger Haushalt folglich mit keinem Cent belasten. Außerdem sind die Netze von den HamburgerInnen durch überhöhte Preise ohnehin längst bezahlt; politisch richtig wäre eine Enteignung, die das berücksichtigt. Die zweite Forderung des VB, „verbindliches Zeil ist eine sozial gerechte, klimaverträgliche und demokratisch kontrollierte Energieversorgung aus erneuerbaren Energien“ muss konkretisiert werden, besonders hinsichtlich der demokratischen Kontrolle.
Die Energiewende ist das Herzstück des sozial-ökologischen Umbaus. Sie wird auch in den nächsten Jahren eine wesentliche Aufgabe der LINKEN in Hamburg sein – nur in Hamburg?