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23. Februar 2016 Das muss drin sein, AG Betrieb & Gewerkschaft, Gewerkschaftspolitik, Frauen- und Gleichstellungspolitk

Streik-Interview: „1,50 Euro sind doch nicht zu viel verlangt!“

Seit fünf Monaten streikt das Servicepersonal der Elbkinder – Hamburgs größtemBetreiber von Kitas mit über 21.000 Kindern. 182 Häuser unterhält der städtische Anbieter. Vor elf Jahren wurden die Gebäudereinigerinnen und das Küchenpersonal in die VKSG ausgegliedert, mussten Lohnkürzungen um 30 Prozent hinnehmen. Heute kümmern sich 780 Beschäftigte um Essen und Reinigung. Es sind nahezu ausnahmslos Frauen, dreiviertel von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Ver.di fordert für sie 1,50 Euro mehr Lohn pro Stunde. Betriebsrätin Gitta Koch (46) erzählt, warum sie und ihre Kolleginnen streiken.

Worum geht es bei dem Streik?

Gitta Koch: Eine Hausarbeiterin verdient bei uns knapp 1.700 Euro – wenn sie denn Vollzeit arbeitet. Das machen bei uns aber nur die wenigsten! Viele arbeiten nur 20 oder sogar nur zehn Stunden die Woche. Etliche haben noch andere Jobs, um über die Runden zu kommen. Eine hauswirtschaftliche Betriebsleiterin wie ich verdient in Vollzeit 2.600 Euro. Ich wurde aber wie andere auch abgruppiert, weil es in meiner Kita weniger Mittagessen gibt: Der Hort wurde wegen der Ganztagsschulen eingestellt, Krippengruppen haben weniger Kinder. Deswegen bekomme ich jetzt 200 Euro weniger.

Es geht etlichen meiner Kolleginnen darum, nicht mehr auf staatliche Leistungen angewiesen zu sein. Preise und Mieten steigen schließlich auch.

Der Stundenlohn liegt mit 9,77 Euro aber noch über dem Mindestlohn.

Die Anforderungen an unsere Arbeit sind ständig angestiegen. Kleinkinder verursachen mehr Wäsche, die Fußböden müssen sauberer sein. Die kleinen Toiletten und Waschrinnen zu putzen geht auf den Rücken. Die Mittagessen sind von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zertifiziert, wir kochen nach einem verbindlichen Ernährungskonzept. Vor drei Jahren wurden wir dafür von der ehemaligen Bundesministerin Aigner sogar ausgezeichnet. Wir seien ein Leuchtturm unserer Republik, sagte sie damals. In fast 90 Prozent aller Kitas in Deutschland gibt es zu wenig Obst, zu wenig Fisch, zu wenig Salat. Wir sind hingegen ein gutes Beispiel für ein gesundes Essen. Aber wir verdienen immer weniger. Die Rechnung geht nicht auf.

Der Streikt dauert bereits fünf Monate, trotzdem bekommt man in Hamburg bislang nicht so viel davon mit.

Wir streiken ja nicht am Stück, sondern bislang an 13 Tagen. Außerdem sind wir auch nicht so viele. Bei den Elbkindern arbeiten 5.000 Menschen, aber wir sind in den ausgegliederten Servicebereichen, der VKSG, nur 750 Frauen. Im Schnitt vier Frauen pro Kita. Aber wir werden mehr: Als wir im September mit den Warnstreiks anfingen, weil der Arbeitgeber kein ausreichendes Angebot vorlegte – nur 49 Cent –, waren wir 150 Gewerkschaftsmitglieder. Jetzt sind wir schon 250! Und wir werden seit kurzem offenbar gehört. Unser Streik war letzte Woche ja auch Thema in der Bürgerschaft.

Wie war das, selbst Thema im Rathaus zu sein?

Wir waren mit 15 Frauen da. Als die Debatte losging, habe ich das wie einen Befreiungsschlag empfunden. Endlich wurden wir auf großer Bühne angesprochen! Ich muss ein großes Lob an alle Fraktionen aussprechen: Alle haben ihre Redezeit genutzt, jede Fraktion war vorbereitet. Das hat uns sehr stolz gemacht. Und siehe da: Jetzt gibt es plötzlich ein neues Angebot vom Arbeitgeber. Nächsten Donnerstag um 15 Uhr wird die Tarifkommission weiter verhandeln. Wir sind gespannt, ob es auch ein gutes Angebot ist. Mit 49 Cent mehr die Stunde geben wir uns nämlich nicht zufrieden.
Wir haben endlich mehr verdient!“

Interview: Kersten Artus