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2. Juni 2010 Bildungspolitik, Länger Gemeinsam Lernen!

„Springerpresse im Hamburger Schulkampf“

Das „wir“ der Selektion

„Wir-wollen-lernen“! Ein „wir“ ruft um Hilfe, das nicht lernt, aber „lernen“ will. Also: Wer ist wir und was will wir wo, wann und wozu lernen. Vor allem: wer verhindert das Lernen? Mit diesen Ws, könnte sich eine in den Finessen der Recherche gut trainierte Journalistin, mit soliden Kenntnissen über nationale und internationale Debatten der erziehungswissenschaftlich begründeten Schulforschung, in die Vollen werfen.

Zunächst tut sich jedoch ein Problem mit der Logik auf: Der Satz „Wir wollen lernen“ macht nur Sinn, wenn die Aussage „Ihr wollt nicht lernen“ oder „sie wollen nicht lernen“, ebenfalls benannt und verifizierbar wäre, zumal in einem pädagogischen Kontext. Zur genetischen Grundausstattung eines jeden Menschen, also noch vor jeder Gesellschaftlichkeit, gehören das Bedürfnis und der unbedingte Wille zum Lernen. Zwar haben in nahezu allen unabhängigen sozialwissenschaftlichen Bildungskonzeptionen, deren VertreterInnen sich einer „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno) verpflichten, deshalb soziales Lernen und Werte eines interkulturellen bzw. transkulturellen Miteinanders Vorrang. Aber nach wie vor ist Exklusion in den Strukturen des deutschen Schulsystems organisierendes Prinzip. Geradezu fassungslos zeigte sich deshalb der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, Professor Vernor Muńoz, als er 2006 und 2007 das deutsche Bildungssystem zu begutachten hatte: Das dreigliedrige Schulsystem diskriminiere besonders migrantische Kinder sowie behinderte Kinder aller Ethnien und sozialer Klassen, es sei „extrem selektiv“. Er empfahl mehrfach „Menschenrechtserziehung“ in den Curricula sowie in der pädagogischen Ausbildung und Weiterbildung zu implementieren. In Hamburg haben 26,8 Prozent aller Menschen einen Migrationshintergrund, das sind mehr als 466.000, laut Hamburger Mikrozensus (2005), weit mehr als der bundesweite Durchschnitt von 18,6 Prozent.

In Hamburg zementiert das Schulsystem ebenfalls soziale Ungerechtigkeiten. Umso mehr sei dem Bemühen des Bürgermeisters Ole von Beust (CDU) und der Schul-Senatorin Christa Goetsch (GAL) dafür Respekt gezollt, mit der sechsjährigen Primarschule, die von Muńoz als „menschenrechtswidrig“ bezeichneten Strukturen ernsthaft zumindest etwas aufbrechen zu wollen. Aber Unteilbarkeit der Menschenrechte, wissenschaftliche Erkenntnisse sowie politischer Wille kommen nicht immer unten an. Ganz besonders in einer Stadt wie Hamburg, in der sich die Elite traditionsgemäß eher aus den Reihen der „Pfeffersäcke“ als aus gebildetem Bürgertum rekrutiert, ist dies immer schon schwierig gewesen. Die rechts-konservativen Springer-Blätter „Hamburger Abendblatt“, „Welt“ und ganz besonders „Bild“, die in ihrer Menschenverachtung (z.B. mit Tag für Tag sexistischer Zurichtung von Frauen oder den seit Jahrzehnten geführten Kampagnen gegen migrantische Menschen) in Europa ohne Konkurrenz ist, verdanken genau diesem geistigen Niveau ihre Existenz. Die sich seit längerem im Zweifel ebenfalls nach rechts orientierende „Hamburger Morgenpost“ sowie die mittlerweile fast zahnlose „taz“, bieten anders als noch in den neunziger Jahren kein Gegengewicht mehr, selbst wenn einige ihrer RedakteurInnen wie in den letzten Monaten hier und da zaghaft intervenieren. In einem intellektuell derart unterversorgten Milieu haben Männer wie der Rechtsanwalt Walter Scheuerl und seine Initiative „wir wollen lernen“ mehr oder minder freien Zugriff auf die „öffentliche Meinung“.

Nach eingehendem Studium der Website „wir-wollen lernen“ lassen sich die journalistischen W's lediglich wie folgt beantworten:

Wir: das sind „Vertrauenspersonen der Initiative“ drei Männer und als „Vertreter“ dieser „Vertrauenspersonen“ wird ein weiterer Mann genannt sowie eine Frau, mit der Qualifikation „Hausfrau mit diversen Nebenaufgaben“. Kann eine Vertrauensperson einen Vertreter haben? Zu sehen ist auf der Seite außerdem ein Foto, mit 19 Frauen und vier Männern: Fleißige weibliche Hände unter den Fittichen männlicher „Vertrauenspersonen“. In einer derartigen Ordnung der Geschlechter ist nachvollziehbar, warum Kinder und Jugendliche ebenso wie migrantische oder andere, z.B. sozial ausgegrenzte Eltern dieser Stadt keine Stimme in dieser „wir“ Initiative haben.

Was will wir lernen? Keinerlei konkrete Aussagen zu finden.
Wer will nicht lernen? Keine Aussage
Wo will wir lernen? In Hamburg im Gymnasium
Wozu? Um schneller lernen zu können
Wie? Im alten Schulsystem

Projektion statt Bildungskonzept

Warum? Unter „pädagogische Gründe“ wird zunächst ohne Beleg die Gefahr von „Gleichschaltung“ beschworen. Erhoben wird die Forderung: „Kindern, die schneller lernen können und wollen, sinnvolle Bildung anzubieten!“ Als eine Art Begründung ist zu finden:

„Gerade die Klassenstufen 5 und 6 sind für die Ausbildung von Bildungsprofilen entscheidend! Gymnasien und weiterführende Schulen mit humanistischem, bilingualem, musikalischem und sportlichem Profil wird das Fundament entzogen, wenn mit diesen Schwerpunkten erst ab Klasse 7 begonnen werden kann. Die prägenden Jahre liegen in der frühen Kindheit, dem Kindergartenalter und den ersten Grundschuljahren. Das hat auch die Hamburger Enquête-Kommission festgestellt. Dort muss in die frühkindliche Bildung investiert werden. In der 4. Klasse haben viele Kinder bereits einen Lernrückstand von einem Jahr, der auch in den Primarklassen 5 und 6 nicht aufzuholen wäre. Für das ‚Primarschul-Modell‘ von Senatorin Goetsch ist der Slogan 'Länger gemeinsam lernen' ein Etikettenschwindel. Denn tatsächlich würde die Zeit des gemeinsamen Lernens der Schülerinnen und Schüler von bisher 8 Jahren auf 6 Jahre (Klasse 7 - 12) verkürzt.“ Das „begründet“ das geheimnisvolle „wir“ dann so: „aus allen Untersuchungen (zuletzt ELEMENT; siehe dazu sogleich)“, gehe hervor, „dass die Gesamtschulen ihren Anspruch, auch die leistungsstarken Kinder zu fördern, häufig nicht einzulösen vermocht haben.“ Dann folgt eine wirre Kompilation von Umfrageergebnissen, die als „wissenschaftliche Gründe“ angegeben werden. Angedroht wird schließlich der „Reform-Infarkt“.

Außer des Postulats „schneller Lernen“ lassen sich nicht einmal Spuren eines pädagogisch und erziehungswissenschaftlich begründeten Bildungskonzepts finden. Dafür wird jedoch viel Stoff für die latente Ebene des „Verstehens“ geliefert: ein Gespinst aus Andeutungen, vager Feinbildadressierung, impliziten Bezügen, abgenutzten Metaphern („Gleichschaltung“, „Etikettenschwindel“, „Reform-Infarkt“). Auffällig sind dabei die logischen Brüche, bis in die Satzstrukturen und grammatischen Bezüge hinein, ohne klare Benennung der AkteurInnen (wer ist „wir“, wer das „sie“), Themenverschiebung (z.B. das Pochen auf 5. und 6. Klasse Gymnasium statt pädagogischer, erziehungswissenschaftlicher und lerntheoretischer Begründungen), Verdrängung und Verleugnung (einer multi-ethnischen und mittlerweile bedeutsamen migrantischen Bevölkerungsstruktur in der Stadt sowie einer wachsenden Schicht armer Kinder). Mit Hilfe dieser Mittel generieren sich allgemein Ressentiments der Exklusion, die in der antirassistischen Diskursforschung umfangreich beschrieben sind. Die Zustimmung für Scheuerls „wir“- Kampagne durch die NPD ist ebenso folgerichtig wie das Martialische des FDP-Feldzugs „Keine Axt an das Gymnasium“ stimmig ist.

Springerpresse 2010 im Dienste des „manipulativen Charakters“ gegen die Primarschule

Theodor W. Adorno hat bald nach 1945 erneut Kollektive mit der „Bereitschaft andere als amorphe Masse zu behandeln“ registriert und als zugehörigen Persönlichkeitstyp den „manipulativen Charakter“ beschrieben. Der deutschsprachige Journalismus, für dessen Anfänge die Revolutionäre und Literaten Georg Büchner und Heinrich Heine stehen, entwickelte sich gerade in der Abkehr von Herrscheranbetung und vom Recht des Stärkeren. Das Wesen eines unabhängigen und seriösen Journalismus besteht per se und weltweit im Erkunden von Herrschaftsstrukturen, gerade um Menschen ohne Macht eine Stimme zu geben, bei absoluter Distanz zu politischen AkteurInnen. Alles andere ist PR oder Propaganda.

Trotz vieler Erkenntnisse über das seit Jahrzehnten andauernde unkontrollierte Agieren der rechts-konservativen Presse in Hamburg erschrecken nach Durchsicht der lokalen Printberichterstattung (von Januar bis Anfang Mai 2010) dennoch das Ausmaß journalistischer Inkompetenz sowie der Kampagnencharakter. In seit 1945 nahezu beispielloser Art und Weise treiben die Springer-Blätter über Monate hinweg einen Bürgermeister und eine Fach-Senatorin vor sich her. Dahinter treten derzeit sogar die üblichen unqualifizierten Reflexe gegen die Partei Die Linke zurück.

Insgesamt fällt ein wenig entwickelter Umgang mit Möglichkeiten des journalistischen Handwerks auf. Was fast völlig fehlt: Analysen von Dokumenten (z.B. aus der Schulbehörde), eine adäquate Wiedergabe und Diskussion von Forderungen aller vier in der Bürgerschaft vertretenen Parteien sowie Auswertungen der Fülle unabhängiger Forschungserkenntnisse über Schulkonzeptionen und Anforderungen an eine interkulturelle Bildung. Fast vollständig wird auf das journalistische Genre der Reportage verzichtet, mit der sich z.B. Lebenswelten der von Ausgrenzung und Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen spezifisch journalistisch erkunden ließen. Ebenso wenig finden sich ausführliche journalistische Befragungen von Lehrerinnen, SozialarbeiterInnen und Eltern sowie von Kindern. Stattdessen lassen sich bei einer ersten intensiveren Durchsicht der Presseberichterstattung seit Januar 2010 folgende Entwicklungen einer massiven Kampagne seitens der Springer Presse beschreiben:

Katastrophismus

Im Januar und Februar 2010 werden vorrangig Katastrophenszenarien entworfen, wie unter anderem Schlagzeilen von „Bild“ dokumentieren: „Schwarz-Grün wollte Krisen-Gipfel platzen lassen. In Sachen Bildung gibt’s nur Katastrophenmeldungen“ („Bild“ vom 19.1.) oder: „Jetzt brechen sie im Rathaus das letzte Tabu. SCHULREFORM. Senat schließt Pakt mit Linken“ („Bild“ 24.2.).

Der einzige Artikel, der die historische Dimension dieses Streits um Primarschule und Bildungsprivilegien überhaupt thematisiert, stammt von Christian Füller, der Mitte Januar in der taz aus überregionaler Perspektive analysiert: „'Klassenkampf der Bildungsbürger. Schulreformen: Publizisten und Lobbyisten schlagen eine härtere Gangart gegen ‚Hartz-IV-Kinder‘ an: Bildung sei für sie 'objektiv wertlos'" („taz“ 13.1.) Füller ist im Gegensatz zu den in den jeweiligen Springer-Blättern namentlich Zeichnenden nicht nur seit Jahrzehnten als journalistischer Bildungsexperte ausgewiesen sondern dafür ebenso mit Forschungspreisen ausgezeichnet. Sein Artikel wird bis Anfang der Mai 2010 der einzige der Art sein. In dieser Phase des Katastrophismus meldet sich am 8.1. die „Interkulturelle Elterninitiative Hamburg“ zu Wort, bestehend aus 25 Vereinen sowie sechs einzelnen ElternvertreterInnen weiterer Herkunftsländer. Diese erste multi-ethnisch migrantische Elterninitiative in Hamburg überhaupt, wäre somit als Superlativ an sich schon eigentlich ein Selbstgänger für die auf Sensationen konditionierte Tagespresse. Doch von den Springer Blättern stieg offensichtlich nur das „Hamburger Abendblatt“ ein - und das mit reichlicher Verzögerung (12.1.), gefolgt von der „Hamburger Morgenpost“ (13.1.), beide mit dürftigen, inhaltlich stark verkürzten Meldungen. Die „taz“ bringt schließlich am 15.1. ein längeres Interview mit dem Initiativensprecher Kazim Abaci der „Interkulturellen Elterninitiative“, mit der Überschrift: „Keine faire Abstimmung"(„taz“ 15.1.)

Allein die Daten, Fakten und Argumente dieser Initiative hätten als Themengeber für viele Sonderbeilagen zum Thema ausgereicht, bleiben aber in den Blättern, auch in der „taz“, weitgehend unerwähnt. Ende 2009 lebten in Hamburg 235 918 Personen (- erhoben vom Statistikamt Nord -) mit ausländischer Staatsangehörigkeit, d.h. der „Ausländer“-Anteil beträgt 14 Prozent und fast jede zweite Schülerin bzw. jeder zweite Schüler verfügt mittlerweile über einen Migrationshintergrund. Allerdings wird im „taz“-Interview ein weiterer Skandal von Kazim Abaci benannt: „Käme es zum Volksentscheid, wäre es keine faire, demokratische Abstimmung. Denn alle Eltern ohne deutschen Pass dürften nicht mit abstimmen. Das sind viele. Die Reform betrifft ja Eltern, die heute ihr Kind in Vorschule und Grundschule haben. Von denen haben 25 bis 30 Prozent keinen deutschen Pass. Es wäre eine Abstimmung ohne einen Großteil der Bildungsverlierer“ („taz“ 15.1.)

Vier weitere Pressemitteilungen der Initiative finden in den Folgemonaten keine erkennbare Erwähnung. Stattdessen gebärdet sich „Die Welt“ besonders aggressiv in ihrer Unterstützung der „wir“ Initiative: „'Die Menschen in der Stadt wollen keine verpflichtenden Primarschulen'“' („Die Welt“ 23.2.)

Phase massiver Verunglimpfung, Stimmungsmache und Unterstellung

Nach dem herbeigesehnten Scheitern der Verhandlungen des Bürgermeisters und der Senatorin mit Walter Scheuerl, erfolgt eine Phase massiver Verunglimpfung und Drohungen seitens der Springer- Blätter: in den Antipoden pro oder contra Scheuerl. „Die Welt“: „Drittklässler können mit den Füßen abstimmen.Schulreform: Im kommenden Jahr dürfen Eltern noch einmal frei zwischen den Systemen wählen. Opposition und Eltern befürchten das Chaos“ („Die Welt“ 24.3.). Und zehn Tage später droht das Blatt: „Abgerechnet wird beim Volksentscheid. Schul- und Finanzpolitik wird zunehmend zur Belastung für den Senat“ („Die Welt“ 4.4.)

Die „Bild“ verunglimpft die Senatorin Christa Goetsch:

I r r e r Zeugnisplan. Völlig verrücktes Punktesystem soll in allen Klassen Zensuren ersetzen“ („Bild“ 31.3.) und setzt dann noch mal nach: „Schulsenatorin Christa Goetsch kann es nicht lassen. Immer wieder versucht sie, Eltern das Recht zu nehmen, den Ausbildungsweg ihrer Kinder selbst zu bestimmen“ („Bild“ 6.4.) sowie „Goetsch startet Wahlkampf im Klassenzimmer („Bild“ 7.4.).

Stimmungsmache und Unterstellung entwickelt sich im April gegen die vom Senat geplanten Informationsabende und -broschüren zur Primarschule, bis hin zur Unterstellung von Verfassungsbruch, vor allem dann auch im Zusammenhang mit dem Wahlprozedere. Erst als vor allem konservative Verfassungsrechtler eindeutig Stellung nehmen, geht dieser Teilkampagne der Wind aus den Segeln. Die Respektlosigkeit macht ebenso kurz Halt, als Rita Süssmuth und Klaus von Dohnany sich für für die Schulreform öffentlich stark machen.

Am 21. April hatte der Fachbereich Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg zu einer Konferenz eingeladen und konnte mit einem wissenschaftspolitischen Superlativ aufwarten, der eigentlich zwangsläufig ebenfalls hohes Berichtsinteresse hätte auslösen müssen: 600 Menschen folgten der Ankündigung: „Längeres gemeinsames Lernen in der sechsjährigen Primarschule. Argumente aus Sicht der Erziehungswissenschaft. Öffentliche Fachtagung am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg“. Zu einem dürftigen Bericht ließ sich immerhin „Die Welt“ hinab: „Bildungsforscher sprechen sich für Primarschule aus. Fachtagung an der Universität. Wissenschaftler Streit über Schulreform ist vor allem ein Interessenkonflikt.“ Und immerhin musste die Welt feststellen:

Professor Matthias von Saldern setzte sich mit den Argumenten der Primarschulgegner auseinander, die sich aus seiner Sicht 'sehr leicht entkräften lassen'. Zum einen griffen die Kritiker auf veraltete oder methodisch fehlerhafte Untersuchungen zurück, zum anderen würden aus Studien falsche Schlüsse gezogen oder unwillkommene Ergebnisse einfach ignoriert“.

Der Inhalt der Tagung war damit allerdings in keinster Weise ausreichend seriös wiedergegeben, wie ein Abgleich mit den wissenschaftlichen Vorträgen zeigt, die sogar im Netz veröffentlicht sind und von denen jederzeit in Auswahl beispielsweise hätten in einer Sonderbeilage der „Welt“ oder des „Abendblatts“ abgedruckt werden können.

Bei „Bild“ und im „Hamburg Abendblatt“ geht derweil die Stimmungsmache weiter:

  • „Gynmnasialleiter warnen vor Qualitätsverlust“(„Bild“ 24.4.)
  • „Schulleiter fürchten „Chaos nach Reform“. („Hamburger Abendblatt“ 27.4.)

Keine Meldung wert sind jedoch Übergriffe einzelner Schulleiter, die Schülerinnen und Schülern mit z.B. polnischem oder türkischem Hintergrund immer noch verbieten, auf dem Schulhof in ihrer jeweiligen Muttersprache zu kommunizieren.

Instrumente der Manipulation: Umfrage und Schüren der Paranoia

Manipulative Praktiken mit dem Ziel politischer Steuerung und Selektion sind für öffentliche Diskurse neoliberaler Gesellschaften besonders kennzeichnend und in der internationalen Forschung über Neoliberalismus häufig und differenziert beschrieben. Besonders beliebte „Instrumente“ der Manipulation sind Umfrage und Test, basierend auf einfachen Skalierungen zur Erhebung von ja-nein Entscheidungen, aus denen sich dann besonders gut bereits bestehende Freund-Feind Schemata „belegen“ lassen. Mit dieser modernen Form des Handlesens werden in der Regel Marktforschungsinstitute beauftragt. Im Streit um die Primarschule hat sich das „Hamburger Abendblatt“ das Unternehmen Psephos ausgesucht. Am 14.5.2010 war auf dessen Webside in der Rubrik Aktuelles/Presse ein Eintrag vom 20.5. 09 (!) zu lesen. Über die Methodik der Datenerhebung ist ebenso wenig zu erfahren (außer der Angabe „computergestützte Telefoninterviews (CATI) und Online-Befragungen“) wie über politiktheoretische oder gar erziehungswissenschaftliche Prämissen. Dafür findet sich auf der Webside im Duktus des neoliberalen Dummsprechs: „von zuverlässiger Datenerhebung über differenzierte Auswertung und fundierte Analyse bis hin zur kundenorientierten Beratung - unter dem Leitgedanken „Forschung und Dienstleistung aus einer Hand“. Hier wird also nicht einmal mehr vorgegeben, im humanistischen Sinne „Freiheit von Forschung und Lehre“ zu betreiben. So konnte dann das „Abendblatt“ Ende April mit sensationellem Ergebnis aufwarten: „Schulreform-Gegner liegen knapp vorn“ („Hamburger Abendblatt“ 28.4.)

„Bild“ verkündet am gleichen Tag „Abendblattumfrage zu Volksentscheid am 18. Juli

Mehrheit lehnt Volksentscheid ab“ („Bild“ 28.4.)

In den Stand der „Wahrheit“ setzt die „Die Welt“ noch einen Tag später die ominöse Umfrage: „Beust schreibt Wählern Brief zum Volksentscheid. Bürgermeister wirbt persönlich für Schulreform- Umfrage sieht Vorsprung für Reformgegener.“ („Die Welt“ 29.4.)

Vorläufiger Höhepunkt jedoch ist die vom „Hamburger Abendblatt“ in die Öffentlichkeit lancierte Ärzte-Kampagne, die sie ungeprüft ohne journalistische Einordnung präsentiert:

„47 Hamburger Ärzte in leitenden Positionen machen Front gegen die Schulreform. 'Die Primarschule ist ein Standortnachteil für die Gesundheitsmetropole Hamburg'“ („Hamburger Abendblatt vom 4.5.). Warum das so sein soll, wird nicht begründet und journalistisch nichts hinterfragt. Seitens des Abendblatts wird eine ‚Begründung‘ nachgeschoben, der AGA Unternehmensverband habe in einer „nicht repräsentative(n) Umfrage des Verbands“ festgestellt, „65,4 Prozent der Teilnehmer“ einer „Blitzumfrage“ würde gegen die Schulreform stimmen. Das ist schlicht absurd. Damit hat das Prinzip Gaga, die Paranoia der vor allem männlichen Gegner der Primarschule einen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Das Andere als Chance für das Gemeinsame

Die Gegenreaktion von mehr als 120 Hamburger Ärztinnen und Ärzten sowie des Deutschen Städtetages und des Hamburger Universitätspräsidenten wurde hingegen weitaus weniger spektakulär vom „Hamburger Abendblatt“ aufbereitet, obwohl diese Personen und Organisationen (Städtetag) deutlich mehr Menschen repräsentieren.

Schulkampf bedeutet traditionell immer Kultur- und Klassenkampf. Im deutschsprachigen Raum hat das österreichische Bundesland Kärnten mit seinem ganz speziellen Schulkampf gegen die Minderheit der Kärntner SlowenInnen traurige Berühmtheit erlangt. Der österreichische Erziehungswissenschaftlicher Vladimir Wakounig hat diesen „heimlichen Lehrplan der Minderheitenbildung“[1], den die deutschnationale Mehrheit dort seit 1945 mit Schulpolitik betreibt, in seinen Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Strukturen ausführlich untersucht. So unterschiedlich die konkreten Kontexte solcher Schulkämpfe auch sein mögen, immer aber tragen sie Züge struktureller Gewalt und Ausgrenzung, mit der Mehrheiten eine gleichberechtigte Teilhabe von Angehörigen jeweiliger Minderheiten, zu denen mehr und mehr auch sozial an den Rand gedrängte Gruppen gehören, zu verhindern versuchen.

 Solche Kollektive gründen ihre Superiorität zwar selten auf Argumente und Fakten, aber sie haben häufig, wie in Kärnten und Hamburg, rechtskonservative Medien auf ihrer Seite, die ihnen die Schleusen für ihr Gebräu aus Ressentiments und Anti-Intellektualismus bereitwillig öffnen. Durch ständige Wiederholung der immer gleichen Mantren (z.B. „schneller Lernen“) veredeln Medien Ausgrenzungsphantasien und Paranoia, verhelfen ihnen so schließlich in den Stand von „Wahrheiten“.

Wie in Hamburg der Volksentscheid zur „Primarschule für alle“ ausgehen wird, ist ungewiss, zumal die Mittel zur Teilhabe an öffentlichen Diskursen, mangels unabhängiger demokratischer Medien in der Hansestadt ungleich verteilt sind, viele betroffene Eltern nicht einmal wählen dürfen. Bundesweit einmalig: Erstmals seit 1945 stehen sogar gemäßigte Konservative wie der Bürgermeister Ole von Beust und die GAL Schulsenatorin Christa Goetsch, unterstützt von allen Parteien der Hamburger Bürgerschaft einer Allianz reaktionärer Medienmacht gegenüber, die mit einer „wir“ Initiative im Interesse einer zwar für Aufklärung resistenten, aber Hamburger Elite mit Einfluss agiert. Sie erreichen damit aber ebenso Teile einer ängstlichen und daher leicht manipulierbaren Mittelschicht, denen derzeit die Furcht vor sozialem Abstieg im Nacken sitzt und die z.B. in der Schule nie gelernt haben Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität für sich anzunehmen und gemeinsam mit anderen für ihre Interessen einzutreten.

Die aus Indien stammende und an der Columbia Universität (New York) lehrende und für ihre Studien über Postkolonialismus („Kann die Subalterne sprechen?“) international bekannte Philosophin Gayatri Ch. Spivak, die außerdem regelmäßig Schulprojekte in Armutsregionen begleitet, fordert als Leitbild für die schulische Erziehung: „durch den Ruf des Anderen definiert zu werden“[2]. Auf das lokale Geschehen in Hamburg herunter gebrochen bedeutet dies ganz praktisch: Migrantische Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern vor allem als Bereicherung zu nehmen – auch und gerade für Lernprozesse.

„Länger gemeinsam Lernen in der Primarschule“: das wäre ein erster Schritt auf dem noch langen Weg zur bedingungslosen Inklusion. „Eine Kluge Stadt braucht alle Talente“, zum Beispiel für eine noch zu schaffende demokratische Pressevielfalt in dieser Stadt.

 

Dr. Brigitta Huhnke
Medien- und Sozialwissenschaftlerin lebt in Hamburg und unterrichtet als Universitätslehrerin Journalistik und im Bereich interkulturelle Pädagogik an der Universität Klagenfurt/Celovec


[1]   Vladimir Wakounig (2008): Der heimliche Lehrplan der Minderheitenbildung. Die zweisprachige Schule in Kärnten , Klagenfurt/Celovec.

 

[2]   Gayatri Chakravorty Spivak (2004/2008): Righting Wrongs – Unrecht richten.