3. März 2010 Bildungspolitik, Länger Gemeinsam Lernen!

Schulkampf in Hamburg

So kommt es denn nun wohl in Hamburg zum Volksentscheid im Juli. Erstmals haben Wähler das Wort, über die Richtung einer Schulreform zu entscheiden: Soll die flächendeckende Einführung der Primarschule, also das gemeinsame Lernen in einer Schule für Alle bis Kl. 6, erfolgen oder nicht. Erforderlich wird dieser Volksentscheid durch fünf Faktoren:

Und nun ist der Schulkampf losgebrochen: Mit Tönen, die an Haider und Berlusconi erinnern, verteidigt die Elite ihr Bildungsprivileg, das ja noch nicht einmal beseitigt, sondern nur angekratzt wird. Da wird der Untergang des Abendlandes beschworen, die Zerstörung des humanistischen Gymnasiums befürchtet, der CDU-Bürgermeister als Anführer der Volksfront bezeichnet. In den Clubs an der Alster, beim Klipper Hockeyclub und Jacobs in Nienstedten rumort es. Schon stürzt die CDU in Meinungsumfragen um 14, 6% ab. Die FDP, mit 4,6 % seit der letzten Wahl nicht in der Bürgerschaft vertreten, steigt auf 9%. Sie unterstützt Scheuerl. Die SPD, deren Führung sich noch vor 14 Tagen gegen die Primarschule ausgesprochen hatte, schwenkt um, während andere Scheuerl unterstützen. Auch sie sackt in der Wählergunst ab: Von 34, 1 % auf nun 28 %.

Es geht fast schon nicht mehr um diese zwei Jahre längeren gemeinsamen Lernens. Sondern darum, ob ein kleiner, nachholender Modernisierungs- Reformschritt von der Geldelite im Verein mit der Springer-Presse verhindert werden kann. Ob Reform in Richtung mehr sozialer Gerechtigkeit möglich bleibt. Ob ein Reformbündnis aus einem aufgeklärten Teil des Bürgertums, einem Teil der Sozialdemokratie, der Mehrheit der CDU, Gewerkschaften, Wissenschaftlern, den LINKEN und Schüler- wie Lehrerkammer die Klugheit aufbringen, zusammenzuhalten, die Kraft entfalten, eine Mehrheit von 250.000 Wahlberechtigen in Hamburg zum Volksentscheid an die Wahlurne zu bringen und gegen Scheuerl zu stimmen. Die spannende Frage, ob der Aufstand der Elbvororte und aus dem Alstertal/ den Walddörfern, wo nur 5 % der Kinder unter 6 Jahren von Sozialhilfen leben, mit einem Aufstand der Hamburger Banlieus, wo 50 % der unter 6 Jährigen auf öffentliche Hilfe angewiesen sind, beantwortet wird. Ob die Unterschicht und die MigrantInnen kämpfen. Die Einzigen, die in diesen Vierteln etwas tun können, sind die LINKEN. Die anderen haben dort wenig Einfluss. Dafür muss die LINKE sich aber erst einmal daran gewöhnen, dass es Konstellationen gibt, in denen ein gesellschaftlicher Reform-Schritt eben auch mit einer Reform-CDU gegangen werden kann, den eben die neoliberal verkommene SPD noch verhindern wollte. 25 Mill. € pro Jahr mehr für Bildung, das ist was. Büchergeld mit der CDU wieder abgeschafft, wo es anderswo sogar unter Mitwirkung von LINKEN eingeführt wurde, hat sogar etwas Pikantes. Zwei Jahre längeren gemeinsamen Lernens für Alle als erster Schritt- dafür lohnt der Einsatz. Und wenn das jetzt in Hamburg nicht durchgesetzt werden kann, wo denn dann? In NRW und Bayern z. B. hält die CDU ja immer noch erbittert an der Dreigliedrigkeit im Schulsystem fest. Von Klassenfrequenzen mit 19 Schülern träumt man anderswo. Es lohnt also, den Schulkampf aufzunehmen und als Klassenkampf von oben einzuschätzen. Die Frage, ob unsere Gesellschaft trotz tiefer Krisen überhaupt noch fähig zu sozialen Reformen ist, steht zur Entscheidung.
 

Autor/inn/en: Horst Bethge (Mitglied des Landesvorstandes und des Sprecherteams der AG Bildung
Quelle: http://www.die-linke-hamburg.de/http://www.die-linke-hamburg.de/politik/diskussionen/detail/artikel/schulkampf-in-hamburg.html