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30. März 2010

Rolf Becker 75

Rolf Becker bei der Solidaritätsarbeit gegen den Ilisu Staudamm in der Türkei

Der Schauspieler, Rezitator, Synchronsprecher, Gewerkschafter, Kriegsgegner, Marxist, Streikagitator, Heine-Interpret, Jedermann, Freund politischer Gefangener, Solidaritäts- Mobilisierer, Journalist Rolf Becker wird am 31. März 75 Jahre alt. Menschen verschiedener Schichten sind ihm schon irgendwie begegnet: Einem Massenpublikum in Fernsehsendungen und Krimis aller Reihen oder in Spielfilmen oder in der Fernsehserie „In aller Freundschaft“. Dort als verstehender Vater, einer Leipziger Produktion, denn das Studio Hamburg besetzt den „politischen“ Becker kaum noch. Den Hamburgern ist er noch als „Hamburger Jedermann“ aus den Freilichtaufführungen in der Speicherstadt in Erinnerung, das unter den Hamburger Pfeffersäcken spielt. Den streikenden Verkäuferinnen oder Erzieherinnen ist er morgens bei Streikversammlungen begegnet. Oder den OstermarschiererInnen bei Kundgebungen gegen Rüstung und Krieg.

Unvergessen auch seine „Gewerkschafter-Initiative von unten gegen die Bomben von oben“, womit er als aktiver Gewerkschafter ein Zeichen gegen das Nato-Bombardement im Jugoslawienkrieg setzte. Mit ihr fuhr er mitten im Krieg nach Belgrad, Kragujevac, Nis und Aleksinac, um den jugoslawischen Gewerkschaftern tätige Solidarität zu zeigen und zu demonstrieren, dass deutsche Gewerkschafter der Basis nicht einverstanden sind mit der eilig abgegebenen Zustimmungserklärung des DGB- Vorstandes zum Bundeswehreinsatz durch die Schröder/Fischer-Regierung. Seine Reise- und Erfahrungsberichte in vielen Städten der Bundesrepublik und im Ausland lösten Soli-Spenden für die Auto-Arbeiter von ZASTAVA in Kragujevac aus. Einem Werk, dass von Nato-Bomben fast vollständig zerstört worden war.

Wieder andere hatten ihn als feurigen und funkensprühenden Heine- Rezitator erlebt. Volle Säle gab es, wenn Rolf Becker das „Kommunistische Manifest“ zitierte, spielte, in ganzer Länge lebendig werden ließ. Ganz viele kennen seine Stimme, die er als Synchronsprecher etlichen Stars lieh. Wieder andere lasen seine Artikel, in denen er die Feder als Florett einsetzte, um Militarismus und die Ungerechtigkeiten des real existierenden Kapitalismus zu geißeln. Im Gegensatz zu vielen anderen ist seine sozialistische Überzeugung nie graue Theorie oder scholastische Zitatenhuberei. Diskutiert Rolf Becker, doziert er nie oberlehrerhaft, sondern immer menschlich vermittelnd, lebensnah, den Klassenbruder und Mitbürger als Menschen sehend.

So gehört für ihn auch selbstverständlich dazu, den RAF-Gefangenen Christian Klar in Stammheim zu betreuen oder Mumia Abu-Jamal in den USA in der Todeszelle zu besuchen oder am 8. Mai mit Überlebenden der KZs auf der Bühne zu stehen. Wenn er seinen prinzipiellen Antikapitalismus und Antifaschismus ausspricht, stockt manchem Zuhörer der Atem. Ist man doch in Zeiten der Unverbindlichkeiten und Ambivalenzen diese klaren Worte nicht so gewöhnt. Dadurch erzeugt er aber nachhaltiges Nach-Denken, Be-Sinnen, unterstützt durch feinsinniges Lächeln und sprühende Augen in einem faltenreichen Gesicht. So gilt er unter Gewerkschaftern, unter denen Schauspieler ja eigentlich Exoten sind, als einer der ihren, als einer der Basis- und als Gegner der „Gewerkschaftsbeamten“, der Co-Manager, der Versippung der Gewerkschaftsvorstände mit der SPD.

Rolf Becker ist ein großer Schauspieler. Vielseitig am Theater, ob in München, Darmstadt, Ulm, Bremen oder Hamburg, aber auch in Film- und Fernsehrollen, die er mit kleinen Gesten und feinem Minenspiel glaubwürdig verkörpert. Ob er nun den verständnisvollen Vater spielt oder den kriminellen „feinen Herren“. So ist er in fast allen Krimi-Serien zu sehen: Derrick, Der Alte, Tatort, Ein Fall für Zwei, SOKO Köln, Wolffs Revier, Küstenwache, Der Bulle von Tölz. In ganz unterschiedlichen Filmrollen war und ist er zu sehen: Affäre Blum, Freiherr von Trenck, Wallenstein, Ich bin ein Elefant Madame, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Gloomy Sunday, Mit den Augen der Liebe, Wind in den Schären.

Man muss wohl als guter Schauspieler wie Rolf Becker gelernt haben, sich in andere Leute, in ihre soziale Lage, in ihre inneren und äußeren Kämpfe hineinversetzen, hineinfühlen zu können, um stets zu erfassen, wie „es denen da unten“ ergeht. Und dann im politischen Abstraktionsprozess diese Erdung nicht zu verlieren. Wer Rolf Becker erlebt hat, wie er mit den Kindern im provisorischen Luftschutzkeller während des Nato-Bombardements in Aleksinac spricht, weiß, dass sein Antimilitarismus ansteckend humanistisch ist. Er steckt an und provoziert zugleich, natürlich vor allem politische Gegner. So wurde er ausgerechnet am 8. Mai 2008 am Heine-Denkmal auf dem Hamburger Rathausmarkt, als er Heine rezitierte, vom ehemaligen Senator Wilhelm Rahlffs (FDP) mit dem Krückstock angegriffen.

Darum: Rolf, bliv as du büst!