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9. November 2009 Bildungspolitik

Radikale Trippelschritte im Rathaus

Die Bürger strömten in den altehrwürdigen Kaisersaal des Hamburger Rathauses von 1897: Schüler und Studenten, Elternvertreter, Gewerkschafter, Hochschullehrer, Historiker, Rentner. Und Aktivisten der Initiative „Eine Schule für Alle“. Ein ungewöhnliches Schauspiel war angesagt: Die szenische Lesung zum 90. Jahrestag des Bürgerschaftsbeschlusses zur Einführung der Einheitsschule in Hamburg. Damals beschlossen mutige Liberale, Sozialdemokraten, sogar Konservative der ersten frei und demokratisch gewählten Bürgerschaft das „Gesetz betreffend die Einheitsschule“. Seitdem gab es in Hamburg als erstem Land im damaligen Deutschland eine einheitliche Grundschule für alle und kostenlose Lehr- und Lernmittel. Die LINKSFRAKTION lud zur Lesung der Protokolle der damaligen Bürgerschaftsdebatten, garniert mit Pro- und Contraaussagen zur Einheitsschule seit 1849. Das bunte Kaleidoskop von Argumenten, arrangiert vom jungen Dramaturgen Anselm Lenz, hörte sich allerdings an, als stammte es aus dem in Hamburg aktuellen Schulkampf. Werden doch die vorgesehenen kleinen Trippelschritte der aktuellen Schulreform heftig bekämpft: Verlängerung der Grundschule bis Kl. 6, Einrichtung der Stadtteilschule neben dem Gymnasium, Abschaffung des Sitzenbleibens, aber auch Festschreibung der Elternbeiträge für Schulbücher.

Der Clou der Lesung: Prominente Bürgerschafts- und Bundestagsabgeordnete von SPD und den LINKEN, Wissenschaftler, Gewerkschafter und LehrerInnen lasen die 1919 gehaltenen Reden, moderiert von einem jungen Schulsprecher. Allerdings sozusagen „seitenverkehrt.“ Das SPD- Mitglied der Bürgerschaft, Mathias Petersen, las den Konservativen, der LINKE Prof. Norman Paech den Liberalen, die junge linke Lehrerin den Abgeordneten der „Hamburger Wirtschaftsfraktion“. Prof. Ingrid Lohmann von der Uni zitierte den liberalen Reformer Anton Ree, der neue DGB_Chef und SPD-MdBH, Uwe Grund, den damaligen Sozialdemokraten Ballerstaedt. Der MdB Prof. Herbert Schui (LINKE) gab den Nationalliberalen, Dora Heyenn (Fraktionsvorsitzende der LINKSFRAKTION in der Bürgerschaft) den rechtkonservativen Abgeordneten der Deutsch- Nationalen- Volkspartei (DNVP), den Sozialdemokraten Schumann sprach ich als LINKER. Wie in einem richtigen Parlament wurden die Reden begleitet von Zwischenrufen: „Hört! Hört“ oder „Sehr richtig!“, oft auch durch Applaus unterbrochen. Ganz sachlich zitierte der Gewerkschafter Klaus Bullan (GEW-Vorsitzender) die schon 1849 ausgearbeitete Hamburger Verfassung, die allerdings nicht Wirklichkeit wurde: „Artikel 156- Der Staat soll für die Bildung der Jugend durch öffentliche Lehranstalten, namentlich durch allen Volksklassen gemeinsame untere und höhere Volksschulen, genügend sorgen.“ Den Bürgerschaftspräsidenten stellte die langjährige ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete Sabine Boeddinghaus dar, aus der SPD wegen deren konservativer Bildungspolitik ausgetreten.

Die über 200 Zuhörer im überfüllten Kaisersaal, teilweise unter den Kaiserporträts an den ledertapezierten Wänden stehend, stutzten anfangs ob der verstaubten Sprache, gingen aber zunehmend mit: „Ein tägliches Zusammensein von reichen und armen Kindern wird für letztere auch leicht zum Fallstrick der Sünde. Sie hören vielleicht von Genüssen des besseren Lebens und werden dadurch zur Unterschlagung von Geldern, zu Betrug und Diebstahl verführt. Ein gemeinsamer Unterricht ist deshalb sowohl für die Wissensvermittlung als auch bei der sittlichen Ausbildung schädlich“, so ein Konservativer vor 1919, vorgetragen von einem SPD- Abgeordneten 2009. Da klang die Rede des Liberalen 1919 schon ganz anders: „Unsere heutige Schule ist bekanntlich eine Standesschule. Wenn unser Staatswesen sich aufbaut auf einer demokratischen Grundlage, ist es unmöglich, dass wir das Schulwesen, welches das Abbild des zusammengebrochenen Klassenstaates ist, weiter so belassen“, las Norman Paech. In den Beifall der progressiven Abgeordneten fiel das Publikum spontan ein. Ebenso nach dem Satz: „Denn, wenn man auf dem Boden steht, dass die Besitzenden die Träger des Staates sind, dann ist es selbstverständlich, da das ohne Bildung nicht gut denkbar ist, dass man ihnen auch die Bildung reserviert. Wenn wir auf demokratischem Standpunkt stehen, dürfen wir einen solchen Satz nicht mehr als richtig anerkennen.“

Mit Verwunderung wurde zunächst vom Publikum aufgenommen, dass der Redner der reaktionären DNVP erklärte: „Meine Freunde stehen dem neuen Gedanken der Einheitsschule unvoreingenommen gegenüber und sind bereit, auch hierin mitzuarbeiten“. Dann aber begriff jeder im Saal, dass alle damaligen Abgeordneten schon weiter waren als heute, wo sie nur die Verlängerung der Grundschulzeit vorhaben. Aber selbst dieser Trippelschritt wird gerade von einer konservativen Elbvorortsinitiative- in Hamburg auch „die Gucci- Fraktion“ genannt- erbittert bekämpft. Irgendwie bekannt kam dem Publikum denn auch das nachfolgende Argument des DNVP- Abgeordneten vor: „Was die Lehrmittel angeht, so ist es ein sehr hübscher Gedanke, alle Lehrmittel freizugeben. Aber es kommt hinzu, dass die freigegebenen Sachen außerordentlich vergeudet werden. Was man geschenkt bekommt, achtet man nicht.“

Dennoch beschloss die Bürgerschaft am 14. 4. 1919 die Einführung der Einheitsschule und die Lehr- und Lernmittelfreiheit, zunächst für die Volksschule. Diese vor 90 Jahren gegangenen Schritte harren noch immer der Komplettierung- das nahm jeder Teilnehmer der Lesung mit in die anschließenden Small- Talks bei Selters, Bier und Gulaschsuppe. So sah man denn Studenten eines Pädagogik- Seminars, Schauspieler des Schauspielhauses, den GAL- Bildungssprecher und Gewerkschafter, Abgeordnete der LINKEN und der SPD mit Eltern und Hochschullehrern im lebhaften Gespräch. Fanden sie sich doch erstmals auf Einladung der LINKEN gemeinsam im Rathaus. Da schien es bisweilen, als ob in die alten Rathaussäle etwas von dem revolutionären Geist von 1919 übergesprungen sei. Idee und Jahrestag des Einheitsschulbeschlusses vor 90 Jahren machten es möglich.