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10. Juli 2008 Umweltpolitik

Längere Laufzeiten für die AKWs in Krümmel und Brunsbüttel?

oder

Wie die Atomkraft das Klima retten und die Strompreise senken soll

Es gibt “in der jetzigen Phase keine ökologischere und sozial verträglichere Energieform als die Kernenergie“ (Markus Söder, bayerischer Europaminister.

„Atomkraft ist weithin anerkannt für ihren Nutzen bei der Bekämpfung der fossilen Verschmutzung und dafür, dass sie nahezu keine Treibhausgasemissionen produziert“ (Wulf Bernotat, Vorstandsvorsitzender  E.ON)

Nachdem das Ende der Atomkraft in Deutschland nur noch eine Frage der Zeiträume zu sein schien, überschlagen sich Politiker, Manager und Mainstreammedien beim Hochjubeln der Atomkraft als Klimaretter, Garanten niedriger Energiepreise und sicherer Energieversorgung – und als besonders risikoarm, versteht sich, denn die deutschen AKWs sind die sichersten der Welt.

Was ist von den Argumenten im Einzelnen zu halten?

„Kernkraftwerke sind CO2-frei“ (Wulf Bernotat)

Die Erzeugung von Strom im Reaktor setzt in der Tat kaum CO2 frei. Der Uranabbau und die Herstellung der Brennstäbe erfordern jedoch viel Energie, ebenso der Kraftwerksbau. Eine Studie des Öko-Instituts Darmstadt, die den gesamten Prozess bis zur Stromerzeugung berücksichtigt, kommt zu dem Ergebnis, dass die Produktion von Atomstrom pro Kilowattstunde 32 – 65 Gramm CO2 freisetzt, je nach Herkunft des Urans. Das ist deutlich weniger als bei Kohle, aber deutlich mehr als ein Windpark (22-23 g/KWh) oder etwa ein Holzkraftwerk (10g/KWh). Die für den Abbau der AKWs, die Lagerung des Atommülls und evtl. die Renaturierung erforderliche Energie wurde dabei noch nicht einmal berücksichtigt).

Deshalb ist Andreas Troge zuzustimmen, dem Präsidenten des Umweltbundesamtes, der zusammenfassend feststellte: „Sieht man die gesamte Prozesskette bei der Kernkraft an, also Herstellung, Aufbereitung, Verwahrung, Betrieb und Transporte, dann hat auch die Atomenergie einen beachtlichen Kohlendioxidausstoß“ (Berliner Zeitung 31.7.05).

Die von den Energiekonzernen geäußerte Sorge um die Folgen des Klimawandels ist zudem heuchlerisch, denn die Braun- und Steinkohleverstromung verursacht etwa 50% der deutschen CO2-Emissionen. RWE, Vattenfall, E.On und EnBW wollen 25 neue Kohlekraftwerke bauen, deren Emissionen alle CO2-Reduktionen in anderen Bereichen konterkarieren würden. Sie behindern zudem massiv und systematisch die Einspeisung von Energie aus regenerativen Quellen, namentlich von Windenergie, indem sie trotz reichlicher Profite nicht für den notwendigen Aus- und Umbau der Netze sorgen.

„Atomkraft ist kostengünstig und deshalb sozial“

Die Entwicklung und Einführung der Atomkraft wurde bereits in der Vergangenheit mit vielen Milliarden subventioniert worden. Das ist auch heute noch so: Allein für das aktuelle Programm von EURATOM stehen über 3 Mrd. Euro zur Verfügung.

Wären die Atomkraftwerke so versichert, wie es für jedes Auto gesetzlich vorgeschrieben ist, wäre Atomstrom nicht mehr konkurrenzfähig, denn die Absicherung der möglichen finanziellen Risiken wäre viel zu teuer. Die Konzerne müssen zwar für „Schadensfälle“ Rückstellungen machen, diese sind aber steuerfrei – Steuerausfälle 800 Mio. jährlich – und sie können genutzt werden, um z. B. andere Unternehmen aufzukaufen.

Atomstrom ist also hoch subventioniert. Wäre ein nennenswerter Teil der Subventionen für die Atomindustrie in den letzten 20 Jahren für Verbesserung der Energieeffizienz und die Entwicklung und Einführung regenerativer Energie ausgegeben worden, dann könnte sich Deutschland vielleicht mit Recht als Vorreiter im Klimaschutz bezeichnen.

„Atomenergie erhöht die Sicherheit der Energieversorgung“

Die AKWs in Brunsbüttel und Krümmel stehen nach den Pannen im Juni 2007 seit über einem Jahr still; von zuverlässigem Betrieb kann also nicht die Rede sein. Zudem ist auch das Uran endlich. Seit Ende der 90er Jahre übersteigt der Verbrauch die Förderung. Bei heutigem Verbrauch reichten die Lagerstätten noch für maximal 60 Jahre. Würde die Atomkraft noch ausgebaut, wären die Reserven entsprechend schneller verbraucht. Wie beim Öl steigen schon jetzt die Preise für den knapper werdenden Rohstoff

„Deutsche AKWs sind sicher“

Vor zwei Jahren war das schwedische AKW Forsmark (Vattenfall) nur wenige Minuten von einer Kernschmelze entfernt, die zu einem GAU geführt hätte. Im AKW Brunsbüttel wurden ähnliche Bauelemente verwendet wie die, deren Versagen in Forsmark zu einem zeitweiligen Ausfall der Notstromversorgung und damit fast zur Katastrophe geführt hätten.

Ein Unfall mit radioaktiver Verseuchung hätte dramatische Folgen für Millionen Menschen. Das gilt in besonderem Maße für ein dicht besiedeltes Land wie unseres.

Der Betrieb von AKWs erleichtert immer auch den Zugang zu Atomwaffen.

Auch der Normalbetrieb führt zu großen gesundheitlichen Belastungen der Bevölkerung. 2007 wies die von Bundesamt für Strahlenschutz in Auftrag gegebene Kinderkrebsstudie nach, dass Kleinkinder umso häufiger an Krebs erkranken, je näher sie an einem  AKW wohnen.

Völlig ungeklärt ist nach wie vor die sichere Endlagerung („Entsorgung“) des hochradioaktiven Atommülls. Der Eintritt von Salzlauge in das Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle im Salzbergwerk Asse macht deutlich, dass es für die Endlagerung bis heute kein sicheres Konzept gibt und der Atommüll eine riesige Gefahrenquelle bildet. Die regelmäßigen Castor-Transporte vergrößern die Gefahr von Unfällen mit Verstrahlungen und Vergiftungen.

Atomenergie bleibt eine Hochrisikotechnologie.

Wenn die Hersteller von Atomkraftwerken (Siemens/Framatom) und die Betreiber (RWE, Vattenfall, E.ON, EnBW) dennoch ihren ganzen wirtschaftlichen und politischen Einfluss einsetzen, um Laufzeitverlängerungen und den Bau neuer AKWs durchzusetzen, so ist das vorrangig mit den drei bis sechs Milliarden Gewinn zu begründen, welche die alten, abgeschriebenen Reaktoren jedes Jahr an Reingewinn abwerfen.

Investitionen in bestehende oder gar neue AKWs (wie auch in neue Kohlekraftwerke) verhindert zugleich den raschen Ausbau regenerativer Energie und auch die Investitionen in die Senkung des Energieverbrauchs, weil sie gewaltige finanzielle Mittel für lange Zeit binden.

Die Senkung des Energieverbrauchs ist das volkswirtschaftlich mit Abstand effizienteste Mittel gegen den Klimawandel. Zusammen mit der verstärkten Einführung regenerativer Energie aus flexiblen dezentralen Anlagen bildet sie ein wirksames Mittel zur Senkung der CO2-Emissionen, und zur Reduktion der Importabhängigkeit. Zugleich würde diese Strategie die Abhängigkeit von den vier großen Energiekonzernen verringern und deren Profite beschneiden. Dagegen wehren sie sich mit allen Mittel.