Zurück zur Startseite
20. Januar 2017 Aus der Partei, Kulturpolitik

„Für eine demokratische Musik-Kultur statt Elbphilharmonie-Marketing-Show“

Elbphilharmonie-Baustelle

„Dass die Elbphilharmonie ein hanseatisch-bürgerbewusster Saal mit demokratischem Flair sei, quasi hierarchiefrei, ist nur ein wunderfeiner Werbespruch. Sie hat auch nicht 2100 Plätze, nur immerhin 1657. Und auch der Mythos von der Weinberg-Arena, deren Tribünen sanft in die nächste übergehen, die Musik umrundend, ist genau dies - ein Mythos.“

Eleonore Büning, „Hamburg rast vor Begeisterung“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2017.

Mit großem Brimborium wird der Öffentlichkeit über Springermedien, regionalen Rundfunk und Regierungsverlautbarungen seit Wochen eingebleut:

Jetzt, da die Elbphilharmonie (endlich) eröffnet wird, hätten alle Hamburger sie zu verehren.

Gerade in dieser Begeisterungsanordnung verdichtet sich die soziale und politische Funktion des auf einen Speicher aufgepfropften Gebäudes. Mit Glanz und Gloria soll abgelenkt werden von der tiefen sozialen und kulturellen Spaltung in der Stadt.

Kunst und Kultur dienen dabei lediglich als Marketinginstrument für Tourismus (an dem es in Hamburg nicht mangelt) und Wirtschaftsbeziehungen im politisch postulierten Konkurrenzkampf der Metropolen.

Das schlägt sich auch in der unmittelbaren Gestaltung nieder: mehr als ein Konzerthaus ist die Elbphilharmonie Hotel, Eigentumswohnungen und Gastronomiemeile; statt sich in das bisherige Stadtbild einzufügen schiebt sich das Objekt vor die bisherige Silhouette; mit der Raumgestaltung wird der Zuhörer zu fotogenen Präsentationsobjekt und der auf Linearität angelegten Akustik fehlt jede Wärme und der Zusammenklang der Instrumente. 

Entsprechend präsentierte sich das Eröffnungskonzert als einzige Leistungsschau ohne inhaltlichen Faden – der germanische Mystiker Wagner und der engagierte Aufklärer Beethoven in einem Abwasch.

Der kommerzielle und elitäre Zweck bleibt im unversöhnlichen Gegensatz zu einer demokratischen Kunst und einer inklusiven Kulturbildung.

Für diese ist ein grundlegender Kurswechsel erforderlich:

Für die Schulen bedarf es des erheblichen Ausbaus von Personal und Infrastruktur, damit allen Kindern das Erlenen von Musik und Instrumenten ermöglicht wird und Berührungsängste mit „klassischer“ Musik überwunden werden können.

Zu diesem Zweck muss auch das Angebot von „Moderationskonzerten“ deutlich ausgebaut werden.

Staatliche Musikschulen müssen flächendeckend aufgebaut und gefördert werden, damit alle ohne umständliche Anreise das Angebot nutzen können.

Die bestehenden öffentlichen Häuser (Oper, Musikhalle/„Laeiszhalle“) und die privaten Einrichtungen städtisch und überregionaler relevanter Musik-Kultur (wie beispielsweise die „Fabrik“ oder das „Logo“) müssen stärker gefördert werden.

Die Mittel für die Kultur in den Bezirken müssen erhöht werden.

Darüber hinaus bedarf es statt der teuersten Eigentumswohnungen der Stadt mit bis zu 35.000 Euro pro Quadratmeter eines sozialen Wohnungsprogramms, dass allen Menschen kostengünstiges und bequemes Wohnen ermöglicht. Und der eisige Sturm bei der Eröffnungsfeier erinnert daran, dass nicht ein Mangel an mondänen Hotelsuiten behoben, sondern die wachsende Obdachlosigkeit überwunden werden muss. Diese Alternative ist politisch zu realisieren.

„Es kann nicht alles richtig sein in der Welt, weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen.“ (387) 

Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft B, 1768-1771.