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23. Januar 2011 Aus der Partei

Die K-Frage

Erweiterter Redebeitrag auf dem Sonderparteitag vom 07.Januar 2011 zum Bürgerschaftswahlprogramm

Aussprache zur Rede von Gesine Lötzsch

Ich möchte einen kleinen Beitrag gegen die Amnesie der bürgerlichen Medien und für die Aufklärung über die historischen Zusammenhänge der K-Frage leisten.

Auf unserem Parteitag in Rostock am 15. und 16. Mai letzten Jahres zitierte der von mir sehr geschätzte Theologe und ehemaliger Kulturminister Nicaraguas Ernesto Cardenal den mexikanischen Befreiungstheologen José Porfirio Miranda zum Thema „Kommunismus“ mit dem Satz: „Welche Art von Wahnsinn hat die westliche Welt befallen, dass sie als ihren Hauptfeind das bekämpft, was das christlichste aller Konzepte ist?“

Theologen neigen manchmal dazu, den Beginn menschheitsmächtiger Ideen mit dem Beginn der Geburt des Urchistentums gleichzusetzen. Es stimmt zwar: Die Idee des Kommunismus war in der Praxis der urchristlichen Gemeinden tatsächlich gelebter Alltag, bevor das Christentum in Form der Konfessionen zu einer Herrschaftsideologie mutierte, die die Idee des Kommunismus des Neuen Testaments verriet.

Wir kennen solchen Ideenverrat auch aus der eigenen jüngeren Geschichte sowohl der sozialdemokratischen als auch der kommunistischen Bewegung des letzten und vorletzten Jahrhunderts. Bei den Sozialdemokraten hält der Verrat an ihrer Idee des demokratischen Sozialismus an. Das Ziel des „Demokratischen Sozialismus“ wurde von der SPD zuletzt auf ihrem Hamburger Parteitag vom 28. Oktober 2007 erneuert. Von der Idee des Kommunismus haben sie sich ja bekanntlich schon lange verabschiedet.

Ich muss nun aber an dieser Stelle um der historischen Wahheit willen den Befreiungstheologen Miranda ergänzen: Nach allem, was die Wissenschaften von der Erforschung der sozialen Menschheitsgeschichte an Erkenntnissen hervorgebracht hat, können wir heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass 90% der bisherigen Menschheitsgeschichte als kommunistische Gesellschaft exisitierte.

Es ist doch schön, dass die Urchristen das wieder aufgriffen – vermutlich nicht, weil sie sich an die graue Vorzeit erinnerten, sondern weil die Verhältnisse sie dazu motivierten.

Auch die heutigen Verhältnisse – auf die ökonomische, ökologische und soziale Situation der ganzen Menschheit bezogen – motivieren viele Menschen auf unserem verletzlichen Planeten dazu, diese Idee des Kommunismus mit ihren heutigen Vorstellungen zu verknüpfen.

Die Idee des Kommunismus steht auf der Tagesordnung - bis zu ihrer Realisierung als gesellschaftliche Praxis dürfte noch einige Zeit vergehen. Wenn wir heutzutage erleben, dass die Idee des Kommunismus von interessierten Kreisen wieder dikreditiert werden soll, dann sollten wir uns auch  daran erinnern, welch lange Geschichte sie schon hinter sich hat, länger als die der christlichen Ideale, die mit ihr verwandt sind.

Hartmut Ring