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11. Dezember 2009 Verkehrspolitik, Umweltpolitik

„Das Elektroauto ist der letzte Versuch der Konzerne, so weiter zu machen wie bisher!“

Bericht zur umweltpolitischen Konferenz am 28.11.2009 in Hamburg

„Das Elektroauto ist der letzte Versuch der Konzerne, so weiter zu machen wie bisher!“

Dies ist eine der wesentlichen Erkenntnisse, die von den gut 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der umweltpolitischen Konferenz am 28.11. 2009 in Hamburg erarbeitet wurden. Thema waren die "Auswirkungen einer Einführung von Elektrofahrzeugen auf die Klimagasemissionen und die Konsequenzen für die Autoindustrie". Initiiert wurde die Konferenz der GUE/NGL (Vereinte Europäische Linke/Nordische Grüne Linke) von Sabine Wils, der Hamburger Europaabgeordneten der LINKEN.

Der europäische Verkehrssektor emittiert einen bedeutenden und im Vergleich wachsenden Anteil aller CO2 Emissionen in der EU. Während die meisten technischen Geräte mit steigendem Know-how kleiner und effizienter werden, geht die Autoindustrie mit ihren Fabrikaten einen anderen Weg. Die Pkws werden immer größer und schwerer. Technische Innovationen führen zu immer leistungsstärkeren Motoren und umfassenderen Ausstattungen, aber nicht zu effizienten und energiesparenden Bauweisen. Dies hat zur Folge, dass Pkws ihren Schadstoffausstoß in den letzten 20 Jahren nicht signifikant senken konnten.

Die europäischen Autoproduzenten sind aufgrund des Klimawandels seit einigen Jahren erhöhtem politischem und gesellschaftlichem Druck ausgesetzt, die Schadstoffemissionen ihrer Pkws deutlich zu senken. Nach erfolglosen Versuchen mit Wasserstoff und "Bio"-Kraftstoffen gelten die von der Politik massiv geförderten Elektrofahrzeuge als neues Allheilmittel emissionsarmer Mobilität. 

Kurz vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen befasste sich die Konferenz nun mit der Frage, ob Elektroautos tatsächlich einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz leisten können und welche Interessen hinter dem Thema "Elektromobilität" stehen. Ein weiterer Aspekt war das Problem, wie mit einem grundlegenden Wandel der Verkehrssysteme die Arbeitsplätze der Autoindustrie europaweit gesichert werden können.

Das zur Konferenz erstellte Gutachten von Dr. Axel Friedrich und Prof. Dr.-Ing. Rudolf Petersen sowie die Diskussionen auf der Konferenz verdeutlichen, dass das Elektroauto zumindest in den kommenden drei Jahrzehnten nicht zur Reduzierung von Schadstoffen im Verkehrssektor beitragen kann! Ob die oft auch unsinnigerweise als "Nullemissionsfahrzeuge" propagierten Elektroautos schadstoffärmer als Verbrennungsmotoren fahren, hängt überwiegend von der Stromproduktion ab. Prof. Dr. Petersen hat gezeigt, dass die Stromproduktion in Deutschland noch bis 2040 so weit auf der stark Umwelt schädigenden Braun- und Steinkohle basiert, dass Elektroautos bis dahin pro km mehr CO2 ausstoßen werden als vergleichbare Pkws mit Verbrennungsmotor. Die bis dahin hergestellte erneuerbare Energie ist bereits "verplant". Da die Produktion erneuerbarer Energien noch sehr begrenzt ist, müsste der von Elektroautos verursachte Zusatzverbrauch zumindest bis 2040 vom "schmutzigen" Strom gedeckt werden.

Neben diesem grundsätzlichen Problem wurden weitere, technische Schwierigkeiten von den Experten erläutert, die einer flächendeckenden Einführung von Elektroautos entgegenstehen: Die Reichweiten modernster Batterien liegen bei 80km. In kälteren Jahreszeiten oder wenn andere elektronische Geräte eines Autos in Anspruch genommen werden (Heizung, Fensterheber, CD-Player usw.) halbiert sich die Reichweite. Gleichzeitig dauert es bis zu acht Stunden, um eine leere Batterie aufzuladen. Das Autofahren, so wie wir es kennen, wird mit Elektroautos auch in Zukunft nicht möglich sein. Die Batterien werden sich weiter verbessern, aber nicht dahingehend, dass sie Verbrennungsmotoren ersetzen können.

Von verschiedenen Referenten wurden Szenarien der Industrie beleuchtet, mit denen das Problem der schwachen Batterien entkräftet werden soll, aber keine Lösung darstellen. Batteriestationen etwa, an denen Autofahrer eine Leere Batterie umtauschen können. Dabei wird aber unterschlagen, dass die Batterien 200-300 kg wiegen und oft im ganzen Auto (Unterboden!) verteilt sind.

Als Ergebnis dieser Konferenz steht fest, dass Elektroautos bis 2040 definitiv keinen positiven Effekt auf den Klimawandel haben werden. Was danach kommt, hängt auch von aktuellen politischen Entscheidungen in Bezug auf den Bau neuer Kohlekraftwerke ab. Der andere wichtige Aspekt ist der Kostenfaktor. Um eine Tonne CO2 mit Hilfe von Elektroautos einzusparen (sobald dies möglich ist), würde über 200 € kosten. Das Einsparpotenzial durch Elektroautos wäre aber insgesamt verschwindend gering. Andere Maßnahmen, um CO2 einzusparen, sind erheblich günstiger oder sparen sogar Geld. Dazu gehören leicht umzusetzende Schritte wie eine Änderung der Dienstwagen-Verordnung, aber auch mehrere kleine technische Aspekte (Leichtbau, schmale Reifen, langsam fahren, Motor-"Downsizing" etc.).

Wolfgang Lohbeck, Experte von Greenpeace, hat dann noch das Greenpeace Projekt SmILE vorgestellt und gezeigt, dass industriell gefertigte Autos wirtschaftlich und sparsam sein können. Der SmILE ist ein Auto auf Basis des Renault Twingo und wurde bereits 1993 von Greenpeace und der Firma Wenko mit dem Ziel der Effizienzsteigerung und des "Downsizings" entwickelt. Mit Hilfe von sofort einsetzbarer Technik und ohne signifikante Mehrkosten bei gleicher Leistung und Komfort wurde ein Verbrauch von 2,5 L erreicht. Der SmILE unterstreicht die Möglichkeiten des Verbrennungsmotors, höchst effizient und sparsam zu arbeiten, wenn auf hohes Gewicht, großen (unnötigen) Hubraum und den unzähligen elektronischen Sonderausstattungen verzichtet wird.

Gefordert ist ein radikaler ökologischer Umbau, der das generelle Strukturdefizit der europäischen Autoindustrie behebt. Dabei müssen die Hersteller mittels strenger Regulierung dazu bewegt werden, eine Verantwortung für ihre Produkte zu übernehmen und umweltfreundliche Pkws zu produzieren.

Dieser Umbau muss auch ein sozialer sein und stellt eine wichtige Aufgabe für die Gewerkschaften und die LINKEN dar. Dies betonte Uwe Fritsch, Betriebsratsvorsitzender von VW-Braunschweig, und verwies auf die Kolleginnen und Kollegen in den entsprechenden Betrieben. Auch die Frage der Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich und die Umverteilung von Arbeit sind hier von zentraler Bedeutung. Die hoch qualifizierten Kolleginnen und Kollegen aus der Automobilbranche werden für einen radikalen ökologischen Umbau der Wirtschaft dringend benötigt.

Diese Konferenz, bei der Aktive aus Umweltverbänden und Gewerkschaften ins Gespräch kamen, war ein gelungener Auftakt, um die Debatte über Konversion weiter zu entwickeln. Es wurde deutlich, dass der Nutzen des Elektroautos für die Umwelt gegenüber den Kosten, die die Gesellschaft zu tragen hätte, unseriös gering sind. Ökonomisch und ökologisch sind Elektroautos momentan ein Desaster und dienen der Autoindustrie lediglich dazu, den Status quo zu erhalten. Dieser ist zurzeit für die Hersteller extrem rentabel, da die größeren Pkws deutlich mehr Rendite bringen als effiziente Kleinwagen.