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9. April 2009 Sozialpolitik

Ausbeutung auf und hinter der Bühne:

„Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?/ Theatermacher und Politiker diskutieren über die Schauspielhaus-Inszenierung und ihre Folgen“

Es muss schon eine eigenartige Diskussion sein, in der einer der Gastredner sich zunächst für die Einladung bedankt, dann aber im nächsten Satz den Wunsch ausdrückt, er hätte lieber vor einem anderen Publikum geredet (nämlich, z.B., vor der Jungen Union), und schließlich vor einem Kuschelkurs in der Diskussion warnt.

All diese Merkwürdigkeiten ereigneten sich am 5. April in der Diskussion zur Aufführung des „Marat“-Stücks des Deutschen Schauspielhauses, zu dem die LINKE im Rahmen ihrer Reihe „Rote Möwe“ in die Galerie der Schlumper geladen hatte.

Und tatsächlich drückte sich in den Beiträgen des Publikums, der Moderatoren bzw. Initiatoren (Horst Bethge und Norman Paech) und des Podiums (Dramaturgieasssistent Anselm Lenz und acht VertreterInnen des Chors der Armen) eine starke Übereinstimmung aus, die, wie oben angedeutet, Lenz schon vorweggenommen hatte; das war der Grund für seinen –nur halb ernst gemeinten - Wunsch gewesen, lieber einmal mit der Jungen Union zu diskutieren.

Beide Seiten priesen die Aufführung als eine Sternstunde des politischen Theaters in Hamburg, die den Chormitgliedern den Schritt in die Öffentlichkeit ermöglicht hatte – was von diesen schon an sich als Politikum empfunden worden war – und das Publikum für den Skandal sowohl der Armut als auch des Reichtums in Hamburg sensibilisiert hätte. Dagegen scheint allmählich der anfängliche, oberflächliche Skandal – die Verlesung der Namen der reichsten Hamburger auf der Bühne sowie der Versuch der Kultursenatorin, diese zu verhindern, und das erfolgreiche juristische Bemühen von fünf dieser reichen Männer, eben die Verlesung zu unterbinden – im Laufe der Zeit zu verschwinden. (Inzwischen ist das Stück bereits 19 Mal aufgeführt worden.)

Wenn die äußerst lebendige Diskussion trotzdem 2½ Stunden lang andauerte, dann lag dies daran, dass PodiumsteilnehmerInnen und Publikum in deren Verlauf immer wieder gemeinsame Fragestellungen entwickelten: Nachdem Norman Paech einen kurzen Abschnitt aus Peter Weiss’ Originaltext vorgetragen hatte, entspann sich die Debatte, ausgehend von der Frage, wie die politischen Impulse der Aufführung weitergeführt werden könnten, wie von selbst: Sie ging aus von der Frage, die den Untertitel des Stückes in der Hamburger Aufführung bildet: „Was ist aus unserer Revolution geworden?“ Mit anderen Worten: Wie ist grundlegende soziale Veränderung möglich? Die Antworten, die vom Podium und aus dem Publikum kamen, lauteten u.a.: durch Aufklärung, durch Erkennen gemeinsamer Interessen, durch Artikulieren dieser Interessen auf der Straße und andernorts, auch mit dem Mittel des Generalstreiks (an dieser Stelle wurde die deutsche der französischen oder griechischen Ausgangsposition gegenübergestellt), durch Vernetzung.

Bald zeigte sich, dass die Vorbereitung der Aufführung einerseits ein erstaunlich tiefgehendes demokratisches Potenzial entwickelt hatte: Die Texte des Chors waren durch enge Kooperation der Chormitglieder mit Dramaturgen und Regisseur entstanden; ein Mitglied nannte als Gegenbeispiel zur Wertschätzung seiner und der anderen Arbeit eine Opernaufführung, an deren Ende der Chor nicht mehr auf der Bühne stand, um den Beifall des Publikums entgegenzunehmen. Es wurde aber andererseits berichtet, dass die Bezahlung der Arbeit der Hartz IV- BezieherInnen oder RentnerInnen, zu der nicht zuletzt etwa zehn Wochen Proben gehörten, jeder Beschreibung spottete. Aus der Diskussion über diesen Missstand wurden entsprechende haushaltspolitische Forderungen entwickelt; in diesem Zusammenhang wurde auch über eine am Taktieren der GAL gescheiterte Initiative der LINKEN in der Bürgerschaft berichtet, mit Hilfe einer Anfrage („Kulturelle Teilhabe ermöglichen“) auf eine soziale Gestaltung der Eintrittspeise zuzusteuern; als konkreter Ansatzpunkt für eine solche Initiative konnte eine Aktion des Schauspielhauses selbst angeführt werden, das für die Aufführung am 19. Dezember die Karten nach dem Prinzip „Alle zahlen so viel, wie es ihnen möglich ist“ vergeben hatte.

Von diesem speziellen Punkt aus entwickelte sich die Diskussion weiter zu der prinzipiellen Frage nach gerechter Bezahlung von Arbeit. Es wurde bitter angemerkt, dass das Schauspielhaus zwar Ausbeutung eindrucksvoll in anklagendem Gestus auf der Bühne darstellt, aber auf Grund finanzieller Zwänge, die durch entsprechende Kulturpolitik des Senats entstanden sind, eben diese Ausbeutung an den Chormitgliedern praktiziert bzw. zu praktizieren gezwungen ist.