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4. Februar 2012 Aus der Partei

Auflösung oder Wandel der Klassengesellschaft?

Die Differenzierung sozialer Lagen und Mentalitäten

Vortrag von Michael Vester auf der Parteientwicklungskonferenz der Hamburger LINKEN am 20. Januar 2012

Der kapitalistische Widerspruch und die Theorie der Praxi

Wir müssen uns mit einem Paradox auseinandersetzen: Wir stehen in einer weltweiten großen Wirtschaftskrise mit zunehmender sozialer Ungleichheit und Unsicherheit  und doch findet bei uns eine alternative Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik keine hinreichende Unterstützung. Das scheint denen Oberwasser zu geben, die behaupten, man könne das Verhalten der Menschen bzw. die gesellschaftspolitische Situation nicht mit Klassentheorien bzw. marxschen Theorien erklären. Zur Erklärung dieser Situation stehen vor allem zwei Arten von Theorien oder Thesen einander gegenüber:

Theorien der sozialen Differenzierung:

  • Individualisierung, Zerfall oder Ende der Klassen und Dominanz neuer sozialer Ungleichheiten (Geschlecht, Ethnie usw.)
  • Kulturalistische Erklärungen, z.B. „Politik der freien Wahl der Lebensstile“,  
  • Gestaltung der Politik durch Ideen, Ideengeber, Suche nach neuen magischen Formeln, Eliten oder Führerfiguren, Wissensgesellschaft (neue akademisch gebildete Elite) oder Mediengesellschaft (agenda-Setting durch Medien und große Persönlichkeiten)

Insgesamt bleiben diese Thesen eher an der Oberfläche, sie gehen mehr oder minder von frei entscheidenen ‚subjektiven’ Akteuren oder Akteursgruppen aus.

Theorien der sozialen Polarisierung:

  • Ökonomische Verteilungsprobleme: Prekarisierung/Unsicherheit, Exklusion/Armut usw.
  • Privilegierung: „die Reichen“, „die Konzerne“, „die Medien“
  • Untergang der Demokratie bzw. „ Postdemokratie“

Insgesamt gehen diese Thesen von übermächtigen Strukturtrends (der Ökonomie, der Oligarchiebildung usw.) aus.

Alle diese Thesen sind nach meiner Auffassung eindimensional und oft Versuche, die Gesellschaft aus einem einzigen Prinzip zu erklären. Das tun sowohl die vulgärliberalen als auch die vulgärmarxistischen Theorien. Keine dieser Theorien ist „falsch“; aber sie alle verabsolutieren einen Einzelaspekt der Wahrheit. (Die reflektierten bürgerlich-liberalen Theorien, etwa von Weber oder Keynes, wie auch die reflektierten sozialistisch-marxianischen Theorien sind dagegen viel weiter.)

Für das Marxsche Denken sind die Differenzierung der Klassenstruktur und die vertikalen Machtgegensätze der Klassenstruktur keine sich ausschließenden Gegensätze. Verdeutlicht wird dies an der Theorie der gesellschaftlichen Arbeitsteilung von Marx und übrigens auch Durkheim. Die Arbeitsteilung wird als Widerspruch zwischen dynamischen Produktivkräften (menschlichen wie technischen)  und statischen Produktionsverhältnissen (bei Marx auch: Verkehrsformen, Institutionen) verstanden. Das heißt, in kapitalistischen Gesellschaften dient das ökonomische System nicht allein der Herrschaftsausübung und der Gewinnerhöhung, wie in vorangehenden Gesellschaften. Es muss auch die Produktivkräfte der Arbeit und Technik und die Herstellung von Gebrauchswerten immer weiter entwickeln. Durch diesen Widerspruch bringt es, wie nach Marx besonders Rosa Luxemburg betonte, von sich aus auch Potentiale des Wandels und der Emanzipation hervor, d.h. der intellektuellen und praktischen Kompetenz und der mündigen demokratischen Selbst- und Mitbestimmung. Von diesem Widerspruch zwischen menschlichen Produktivkräften und institutionellen Produktions- und Herrschaftsverhältnissen gehen die Analysen aus, die ich hier vorstellen möchte. kompletten Vortrag als PDF Datei