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2. Dezember 2013 Bürgerschaftsfraktion, Frauen- und Gleichstellungspolitk

Auf Mission: Heilung von sexuellem Missbrauch?

Kersten Artus, frauenpolitische Sprecherin

Der Verein „Mission Freedom“ will offenbar Gutes tun. Er will Schwachen helfen und Opfer retten. Dafür ziehen seine haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen nachts durch die Straßen, immer auf der Suche nach jungen Frauen. Der Verein bezeichnet sich als Menschenrechtsorganisation; Anfang Februar 2013 beantragte er sogar die Anerkennung als Frauenhaus. In der Begründung an die Hamburger Sozialbehörde heißt es: „Ziel des Vereins ist es, weiblichen Opfern von Menschenhandel eine sichere Unterkunft anzubieten, in der sie stabilisiert und auf ihrer Wegfindung in ein selbstbestimmtes Leben unterstützt werden.“

In seiner Satzung wird der Verein konkreter: „Dies geschieht im Geist der christlichen Werte von Freiheit und Würde, so dass die Opfer künftig ein selbstbestimmtes und persönlich erfolgreiches Leben zu führen in der Lage sind.“

Wer oder was ist Mission Freedom? Seine Gründerin ist Gaby Wentland, nach Eigenaussage 56 Jahre alt, vier Kinder, Pastorenfrau und im Leitungsteam der Deutschen Evangelischen Allianz.

Eine schicke Website, bunte Flyer und eine populäre CD werben für das Engagement von „Mission Freedom“. Und auch die Springer-Presse ist voll des Lobes ob des Engagements. Dabei schreibt „Mission Freedom“ eine relativ einseitige Erfolgsgeschichte, vor allem finanzieller Natur.

Das „Hamburger Spendenparlament“ versorgte „Mission Freedom“ in 2012 mit 15.000 Euro, wovon ein Kleinbus angeschafft wurde. „Aktion Mensch“ finanziert für mehrere Jahre eine halbe Stelle. „Club 700“, eine Firma, die für „Bibel TV“ Sendungen produziert, sponserte einen Film, der als CD für 12.95 Euro im Internet angeboten wird. Von dem ebenfalls religiös ausgerichteten Verein „Schlussstrich“ kommen monatlich weitere 1.000 Euro. Wie viele Spenden in welcher Höhe und von wem insgesamt fließen, gibt der Verein nicht bekannt.

Und jetzt hat der „Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger“ (BDZV) “Mission Freedom“ seinen Bürgerpreis verliehen, der mit 20.000 Euro dotiert ist. Damit will Gaby Wentland einen weiteren Film produzieren, der von „Loverboys“ handelt. So werden Männer genannt, die junge Frauen, oft Minderjährige, zur Prostitution zwingen. Breiteren Kreisen wurde der Begriff „Loverboys“ durch den jüngsten Schimanski-Krimi bekannt.

Wie vielen Frauen „Mission Freedom“ wirklich hilft, ist unklar. Ob es die Frauen und ihre Geschichte, die Gaby Wentland in ihren Interviews erwähnt oder die auf der CD zu Wort kommen, wirklich gibt, ebenfalls. Ob der laut Vereinsnewsletter Nummer 7 „süße Junge“ wirklich als erstes Baby im „Mission Freedom Home“ geboren wurde, weiß niemand so genau.

Angeblich führt der Verein Frauen ihre Kinder zu, holt sie aus deren Herkunftsländern nach Hamburg. Auch von einer 16-Jährigen ist in einem Bericht der Welt am Sonntag die Rede. Doch “Mission Freedom” besitzt gar keine Betriebserlaubnis zur Betreuung Minderjähriger.

Die Methode von „Mission Freedom“, an Geld zu kommen, ist schlicht: Benenne fachlich anerkannte und staatliche Stellen als Kooperationspartner, und hebe damit deine Reputation. Anfangs ging das Konzept noch auf, das Geld floss. Mittlerweile bröckelt das Bild.

So lobte das Landesjournal der Gewerkschaft der Polizei noch im September 2012 „Mission Freedom“ ganzseitig als eine „wohltätige Organisation im Verbund der Diakonie“. Doch mittlerweile hat die Hamburger Polizei sich von dem Verein distanziert. Es gibt keine Zusammenarbeit, teilt der Leiter der Fachkommission Menschenhandel und Schleusung des Landeskriminalamtes, Jörn Blicke, unmissverständlich mit. „Unser Kooperationspartner ist KOOFRA.“

Auch KOOFRA, die Koordinierungsstelle Frauenhandel in Hamburg, hält sich „Mission Freedom mittlerweile vom Leib: „Nachdem sich zu Beginn der Tätigkeit von Mission Freedom gemeinsame Betreuungen ergeben hatten, hat KOOFRA nach problematischen Erfahrungen Kritik im direkten Gespräch und auch schriftlich gegenüber dem Verein geäußert. Die Kritikpunkte beziehen sich vor allem auf die Einschätzung, dass die Privatsphäre der Betroffenen nicht gewahrt und die Erreichbarkeit der Betroffenen nicht gewährleistet werde, dass nicht alle Betroffene aufgenommen werden (ausgeübte Prostitution als Ausschlusskriterium) und dass offen aufsuchendes Streetworking als Sicherheitsrisiko eingeschätzt werde.“

Noch deutlicher werden die beiden interkulturellen Beratungsstellen bei Zwangsheirat  und häuslicher Gewalt, Lale/IKB und verikom/i-bera. Sie haben eine Unterlassungsaufforderung an „Mission Freedom“ geschickt, damit ihr Name auf deren Website als aufgeführte Kooperationspartnerinnen verschwindet.

Offen wirbt Gaby Wentland immer noch mit der Diakonie. Doch auch das Frauenhaus der Diakonie sagt: „Keine konkrete Zusammenarbeit. Im Fachbereich ,Migrations- und Frauensozialarbeit’ des Diakonie- Hilfswerks wird die spezifische religiöse Ausrichtung von Mission Freedom (z.B. Heilung vom sexuellen Missbrauch als ,Seelen- Rettung’) in der Arbeit mit von Gewalt und Ausbeutung betroffenen Frauen sehr kritisch gesehen.“

Warum soll „Mission Freedom“ jetzt den Bürgerpreis des BDZV erhalten? „Zeitungsverband verteidigt christlichen Verein“ lautet die Überschrift eines Textes in „Pro – Christliches Medienmagazin“. Denn nachdem die taz „Mission Freedom“ als Christliche Sekte“ bezeichnet hat und darüber aufklärte, dass die vielen Kooperationen überhaupt nicht stimmen und staatliche Stellen den Verein äußerst kritisch sehen, habe man sich damit „befasst“. Das Ergebnis: „Nach Rücksprache mit dem Hamburger Abendblatt, das ‚Mission Freedom‘ und Frau Wentland seinerzeit vorgeschlagen hatte, und Recherchen bei der Diakonie sind die erhobenen Vorwürfe der Missionstätigkeit durch eine religiöse Sekte nicht haltbar.“

Und wenn doch? So wird Gaby Wentland in einem Bericht über eine Schulung ihres Team durch den Theologen Téo van der Weele zum Thema „Heilung durch sexuellen Missbrauch“ wie folgt zitiert: „Für mich persönlich war die Realität der Gegenwart Gottes durch Frieden, Liebe und Heilung in einem Moment so stark, dass ich nur noch tränenüberströmt danken kann für die simple und wirksame Art, wie Jesus verletzte Seelen heilt!
Unser persönlicher Wunsch ist es, dass Pastoren und Gemeinden begreifen, dass sie die sicheren Orte sein sollen, in denen diese traumatisierten Personen göttlichen Frieden und Heilung finden können. Möge Gott uns helfen, dass wir keinen verletzten Menschen übersehen und aus der Heilung, die Jesus für alle Menschen bereithält, ausklammern!“

Auch die Deutsche Evangelische Allianz bekennt sich „zur Allmacht und Gnade Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in Schöpfung, Offenbarung, Erlösung, Endgericht und Vollendung, zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung und zur völligen Sündhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen, die ihn Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen.“

Den Antrag auf ein Frauenhaus hat die Sozialbehörde übrigens auch abgelehnt. Es beständen fachliche Bedenken, heißt es in der Begründung, sowohl was die Sicherheit angeht als auch die spezifisch religiöse Ausrichtung.

Weitere Quellen: Schriftliche Kleine Anfragen, Drucksachennummern 20/9664, 20/9910, 20/9950. Die Aussagen vom Landeskriminalamt liegen mir durch ein an mich gerichtetes Schreiben aus der Sozialbehörde vor.