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2. September 2016 Aus der Partei, Arbeitsmarktpolitik, Wirtschaftspolitik, Hochschul- und Wissenschaftspolitik

Nachruf zum Ableben von Herbert Schui

Am 2. Sept. 2016 wurde der Genosse und Mitglied DIE LINKE Herbert Schui in Buchholz zu Grabe getragen. Einen, wie wir finden, bemerkenswerten Nachruf zum Ableben von Herbert Schui hat Norman Paech gehalten. Aus diesem Gunde wollen wir diesen Nachruf hier veröffentlichen.

Liebe Ute, lieber Florian, liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen.

Wir alle wohl waren tief betroffen und traurig, als wir erfuhren, dass Herbert gestorben war. Er war in Pomy, im Südwesten Frankreichs bei Limoux, seinem Rückzugsort und Ruhepunkt nicht nur für die bricolage an dem Turm, den er mit Ute erworben und den sie über lange Jahre wohnbar gemacht hatten, sondern auch für produktive Schreibarbeit. Plötzlich und auch für seine Familie überraschend ist er am Morgen des 14. August nicht mehr aufgewacht.

Herbert hat nie über den Kreis seiner Familie hinaus über seine Krebsdiagnose, die er im Juli 2015 erhielt, gesprochen. Erst später haben wir von seiner Entscheidung erfahren, die klassische Chemotherapie zu wechseln. Sie nahm ihm die geistige Präsenz, die notwendige Klarheit, um wenigstens noch einen Kommentar für eine Zeitung schreiben zu können. Er wählte eine neue Therapie, die ihm den Nebel aus dem Kopf nahm und zu seiner normalen Arbeit am Schreibtisch zurückfinden ließ. Sie war für mehrere Monate erfolgreich und ließ ihn die Reise mit Ute nach Pomy ohne ärztliche Bedenken antreten. Es waren glückliche und gesellige Wochen, die sie in Pomy hatten. Ein geplantes gemeinsames Essen hatten wir auf die Zeit nach  ihrer Rückkehr aus Pomy verschoben. Am Tag seiner geplanten Rückreise antwortete er auf den Ruf zum Frühstück nicht mehr.

Sie und Ihr werdet es einem Juristen nachsehen, wenn er zu dem wissenschaftlichen Werdegang aus eigenem Fachwissen nichts sagen kann. Ich habe ihn erst kennen gelernt, als ich 1982 an die Hochschule für Wirtschaft und Politik kam. Herbert war schon 1980 von der Universität Bremen an die HWP gewechselt. Ich kannte seinen Namen, seinen Ruf, das Trio Hickel, Hufschmid, Schui, die Memo-Gruppe, ich las damals noch die Frankfurter Rundschau. Für einen Linken, der das innere Getriebe dieser Gesellschaft verstehen wollte, waren die Schriften des Herbert Schui  ein Muss und für einen Juristen, wenn er denn überhaupt auf dessen Spur kam, was die Universität vermied, ja verhinderte, höchst interessant, erhellend und auf jeden Fall lesbar. Doch dazu noch später.

 

Wenn ich doch ein paar Anmerkungen zu seinem wissenschaftlichen Weg mache, verlasse ich mich auf Rudolph Hickel, der ihn wohl am längsten durch Studium, akademische Exerzitien und wissenschaftliche Forschung wie Lehre begleitet hat. Auch Herbert kam wie die meisten Linken der späteren Zeit aus der marktgläubigen Schule an den Universitäten, aus der „Giftküche der Marktfundamentalisten“, wie Rudolph Hickel die herrschende Schule der Monetaristen nennt. Herbert hat dort offensichtlich auch Milton Friedman und James Buchanan, die auch ich noch in schlechter Erinnerung habe, persönlich kennengelernt.  Es gab dort keine Marxisten wie Wolfgang Abendroth bei den Politologen und Juristen. Man war durch dieses Gift wohl lebenslang infiziert, viele versuchten es den neuen Moden anzupassen und sich zu entgiften, nur wenigen gelang es, sich ganz davon zu befreien. Herbert gelang es offensichtlich durch seinen frühen Kontakt mit den Gewerkschaften und seine spätere Zusammenarbeit in der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“, wo er auf seinen späteren Kollegen Axel Troost und den Marxisten Jörg Hufschmid traf. In diesem Dreieck von Gewerkschaften, der Universität Bremen und der Memogruppe entwickelte Herbert seine theoretischen und wissenschaftspolitischen Positionen, die er in zahlreichen Publikationen veröffentlichte. Sein Buch „Grundprobleme des entwickelten Kapitalismus“ zum Beispiel war neben Hufschmids „Politik des Kapitals“ unser Grundkurs zum Verständnis der ökonomischen Hintergründe des Rechts. Seine Analysen zur Monopolisierung der Wirtschaft und ihre wettbewerbsvernichtende Kraft sowie ihren bestimmenden Einfluss auf die politischen Machtverhältnisse waren bei den Jusos der siebziger Jahre, den eher marxistisch orientierten und deshalb vielgeschmähten Stamokaps,  von beträchtlichem Einfluss. 

 

Für mich gehört er in seinen unermüdlichen Attacken gegen den Neoliberalismus und seine politischen Auswüchse bis hin zur AFD zur absoluten Front der kritischen politischen Ökonomen. Trotz seiner heftigen Angriffe war er nie Polemiker, denn Polemik ist nicht die hohe Kunst der Aufklärung, die er beherrschte, sie ist die Aufdeckung des Ideologischen, die gnadenlose Entblätterung der Dummheit.  Lesen Sie sein letztes Buch „Politische Mythen & elitäre Menschenfeindlichkeit. Halten Ruhe und Ordnung die Gesellschaft zusammen?“ und sie werden verstehen, wenn er darauf beharrte: Die Dummheit in der zeitgenössischen ökonomischen Lehre ist gewaltig. Das plagte ihn besonders am Angebot des universitären Unterrichts. In den Worten von Herbert:

„Die Universitäten, neu organisiert wie Unternehmen, bieten an, was die Studierenden im Auftrag ihrer künftigen Chefs nachfragen. Die Produkte der Universitäten wiederum brauchen ihren Input. Hochschullehrer sind hiervon ein wesentlicher Teil. Geben die Studierenden ihr Bild vom (erahnten) Ratschluss ihrer künftigen Chefs weiter, streben sie ohne Fragen zur neuen oder bürgerlichen Mitte, so wie ihre Mittelschichtsozialisation dies nahe legt, dann wollen sie fachkundige, willige und flexible Mitarbeiter werden, gewerkschaftlich nicht organisiert, politisch unauffällig und konform. Ängstlich werden sie darauf bedacht sein, sich mit nichts zu beschäftigen, zu infizieren, was nicht gefällt. Der Input von Hochschullehren der Universitäten richtet sich danach: Radikalenerlasse und Berufsverbote sind nun nicht mehr nötig, um Kritik, womöglich Gefahren für den Kapitalismus abzuwehren, die sich in einem intellektuellen Universitätsklima entwickeln könnten. Die Auswahl der Hochschullehrer sorgt dafür, dass die Studierenden nichts zu hören bekommen, was sie nicht nachgefragt haben. Ebenso, wie der künftige Personalchef wahrscheinlich nicht danach fragen wird, was denn die gesamtwirtschaftlichen Ursachen von Arbeitslosigkeit sind, werden sie nicht darauf aus sein, diese Gründe von den Hochschullehrern zu erfahren. ... Die Wirtschaftstheorie hält hier ( auch nur) die mit sophistischen Arabesken ausstaffierte Trivialität bereit, dass Arbeitslose angesichts ihrer Fähigkeiten eben zu hohe Löhne fordern.“ 

Dass Herbert bei diesen nüchternen Sätzen immer so ein bisschen spitzbübisch lächelte, war nicht das Lächeln des Verzeihens oder des Spotts >Ihr könnt ja nichts dafür<, bestimmt war es der generelle Ausdruck seiner überaus freundlichen Erscheinung und menschenoffenen Ansprache, für mich war es aber auch immer das Lächeln der Subversion. Ich habe euch erkannt, eure Interessen, eure Karrieren, die ihr hinter euren Girlanden und Theorien verbergt. Ihr inszeniert politische Mythen und ich erkläre euch, was ihr im Schilde führt: Die Mythen sollen die Bereitschaft zum Konflikt dämpfen oder ihn in eine andere Richtung lenken. Dafür verfälscht oder verschweigt ihr Tatsachen und die wahren Zusammenhänge.  Diese „sorgfältig durch Erziehung zu Vorurteilen herbeigeführte Dummheit“ (Mitscherlich), konnte er nicht ertragen, da er sie für menschenfeindlich hielt. Denn sie lähmt die Menschen, lässt sie ihre elende Situation ertragen und die „gegebenen Machtverhältnisse, die vorherrschenden wirtschaftlichen Absurditäten bewahren.“

Herbert begnügte sich nicht mit dem Campus und den Hörsälen, ob in Bremen oder Hamburg, er wollte die Aufklärung in die Gesellschaft treiben. Er war ein homo activus, ein politischer Wissenschaftler im besten Sinne. Er war schon 1975 bei der Gründung der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“, der bekannten Memogruppe, dabei, ging bei den Gewerkschaften auf Tournee, war ein gefragter Redner. Knapp 10 Jahre später unterzeichnete er mit seinem Schüler aus der HWP Klaus Ernst einen Aufruf „Arbeit und soziale Gerechtigkeit“ gegen Schröders Agenda-Politik , der für beide weitreichende Folgen haben sollte. Sie flogen aus der SPD, gründeten die WASG und fuhren 2005 als Fraktionsmitglieder der PDS in den Bundestag ein. Dort trafen auch wir uns wieder.

Herbert war ein souveräner und oft brillanter Redner. Aber das Parlament war nicht der notwendige oder logische Schlusspunkt seiner beruflichen Karriere, es war eher ein Versuch. Ein Versuch,  seiner Arbeit der Aufklärung ein noch breiteres Feld zu eröffnen ein größeres Echo zu erzeugen. Ihn störte es nicht, dass sich bei seinen insgesamt 58 Reden nie auch nur eine Hand des Beifalls von Seiten der CDU/CSU, SPD, FDP oder Grüne rührte, nur dreimal von einem fraktionslosen Abgeordneten, der kam allerdings aus der LINKEN und war aus ihr ausgeschlossen worden. Ich habe mir seine Reden jetzt besorgt und angeschaut, sie umfassen das gesamte Spektrum der wirtschaftspolitischen Themen, die jede Woche auf dem Plan standen, ob zu der Forderung, das Telekomnetz in öffentliches Eigentum zu überführen, zum Stromdurchleitungsgesetz, die Erhaltung des ERP-Vermögens, oder die Begrenzung der Managergehälter auf das 20fache, wie es Pierpont Morgan Ende des 19. Jahrhundert gefordert hatte, bis zur Kontrolle der Monopolisierung. Da gab es keine Spezialisierung auf die eigenen Wunschthemen. Ich kenne Abgeordnete unserer alten Partei, die in drei Legislaturperioden nur ein Dutzend Reden halten durften. Der Professor Schui wurde in der Fraktion auch in den entferntesten Winkeln seines Wissens gefragt. Die üblichen Zwischenrufe „schlimmer Unfug“, „Quatschkopf“, „Unsinn“ oder „Sie haben nicht das Recht, über Freiheit zu reden“ konnte er elegant übergehen oder zurückgeben. Sie machten ihm aber doch deutlich: der Plenarsaal ist kein Hörsaal, keine Gewerkschaftsversammlung, hier ist Aufklärung unmöglich, zwecklos. Mindestens 90 Prozent des Plenums will das nicht hören. Und er musste sich sagen: Du hast es nicht nötig, wie Demosthenes mit Kieseln im Mund gegen das brausende Meer anzureden, denn es liegt nicht an Dir, Du hast keinen Sprachfehler, das Meer ist taub. Ihm war natürlich klar, wir haben darüber oft gesprochen, dass der Grundwiderspruch zwischen wissenschaftlicher Wahrheitssuche und politischer Durchsetzung sich nicht im Parlament lösen lässt, wenn überhaupt, dann nur in der Gesellschaft. Und das hat ihn dann auch bewogen, nach fünf Jahren das Raumschiff in Berlin wieder zu verlassen und zu denen zurückzukehren, die Helmut Kohl so treffend „die da draußen im Land“ genannt hat. Ihm fehlte auch eine entscheidende Qualität, die zu jedem echten, erfolgreichen parlamentarischen Politiker gehört, er konnte nicht netzwerken und Strippen ziehen. Aufklärung durch Netzwerken? Das ging gar nicht.

Herbert kam zurück nach Buchholz und Hamburg und hatte keine Mühe, seinen Schreibtisch wieder zu beleben, zu schreiben,  zu publizieren und auf Vortragsreise zu gehen, nun noch mehr gefragt als zuvor. Sein letztes Projekt war die „DEBATTE HAMBURG“, in deren Redaktion wir uns wiedertrafen. Das ist eine schmale Zeitschrift der Partei DIE LINKE mit dem Ziel, die Diskussion in der Partei über die Tagespolitik hinaus auf grundsätzliche Fragen anzustoßen und zu den in dieser Partei vielen strittigen Positionen Denkbeiträge zu liefern – auch das ein Projekt der Aufklärung. Herbert war ihr fruchtbarster Autor und engagiertester Propagandist, er identifizierte sich mit dieser Zeitschrift, sie wird es ohne ihn schwer haben.

Was ihn trieb, war über seinen wissenschaftlichen Anspruch hinaus sein soziales Engagement. Das war nicht nur seine unverrückbare Gewerkschaftsorientierung, sondern seine soziale Solidarität mit den Benachteiligten dieser  Gesellschaft. Utes Arbeit mit Flüchtlingen lag ihm am Herzen, das war auch seine Angelegenheit, er arbeitete nur auf einem anderen Feld. Er lebte in dieser Solidarität, alles Elitäre war ihm fremd, er lebte unten, nicht oben, und seine Eitelkeit war nur die gewöhnliche, die dem Stand der Professoren ebenso eigen ist. Am entspanntesten war es jedoch, mit ihm am Tisch zu sitzen, ob in Pomy oder Buchholz, wenn dieser Genießer seine Leidenschaft zu Frankreich in ein köstliches Lammgericht verwandelte. Bei Rotwein konnte ich meine Zigarre in Ruhe rauchen. Ich glaube, wenn sich je die Erinnerung an seine Reden und Diskussionen verwischen sollte, die Erinnerung an diese Stunden mit Herbert werden immer lebendig bleiben.

Liebe Ute, lieber Florian, eure Trauer will ich, kann ich euch nicht nehmen, uns Trauergästen aber kann ich nur sagen: Lest den Schui, das bringt uns weiter.