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"Das Verhältnis zur Geschichte widerspiegelt immer auch die Einstellung zur Zukunft." (Hans Modrow)

Als Auftaktveranstaltung des innerparteilichen Bildungsprogramms fand am Mittwoch, den 7. Mai 2008, im Kulturhaus Dehnhaide eine mit über 70 TeilnehmerInnen sehr gut besuchte Veranstaltung mit dem Vorsitzenden des Ältestenrates der LINKEN, Hans Modrow, statt. Sein Thema war: Gründe für das Scheiterns des Realsozialismus in der DDR und die daraus resultierenden Konsequenzen für eine moderne Sozialismuskonzeption.

Erfreulich war das Interesse an dieser Fragestellung in einem breiten Spektrum der politischen Strömungen und Kulturen innerhalb der Partei. Das spiegelte sich auch in den Fragen wider, die an den Referenten gestellt wurden.

Im ersten Teil seines Vortrages hat Hans Modrow die Notwendigkeit des kritischen Dialogs zwischen den BürgerInnen der neuen und denen der alten Bundesländer betont. Zwar sei DIE LINKE formal eine gesamtdeutsche Partei, aber die Vereinigung von Linkspartei und WASG habe bisher nur im Westen zu Veränderungen geführt. Da im Osten die WASG eh eine Marginalie geblieben sei, habe sich für viele Parteimitglieder die Vereinigung im Alltag noch gar nicht vollzogen. Deshalb sei er froh, hier in Hamburg zu sein und mit den Menschen zu sprechen.

Wegen der knappen Zeit konnte Hans Modrow nur mit Beispielen und kurzen Thesen die Ursachen der Implosion der DDR skizzieren konnte. Aber im Wechselspiel von kritischen Fragen aus dem TeilnehmerInnenkreis und seinen direkten konkreten Antworten entstand doch eine Atmosphäre wachsender Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit. Ein Teilnehmer äußerte spontan den Wunsch, nach dem offiziellen Teil des Abends noch weiter zu diskutieren.

Für viele TeilnehmerInnen war es sichtlich neu zu erfahren, dass es in der DDR der 1960er Jahre unter Walter Ulbricht den Versuch einer Reform des an der Sowjetunion ausgerichteten Sozialismus-Modells mit seiner zentralwirtschaftlichen Planung gab. Zu dieser Reform gehörte ein „Neues Ökonomisches System“ („NÖS") für Wirtschaft und Planung mit folgenden Elementen:

  • Hohe Eigenverantwortung der Betriebe
  • Auf- und Ausbau des genossenschaftlichen Eigentums in Landwirtschaft, Handwerk und Wohnungswirtschaft sowie die Entfaltung  seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit
  • Wachsende Mitbestimmung in den Betrieben
  • Gründung halbstaatlicher Betriebe

Diese Versuche fanden aber in der politischen Führung keine Mehrheit und auf Druck der sowjetischen Führung trat Ulbricht zurück. In der Ära Honecker kam es dann zu einer wachsenden Missverhältnis zwischen ökonomischer Effizienz des planwirtschaftlichen Systems und den gesellschaftlichen Anforderungen. Die in dieser Phase anfänglich gewährten sozialen Verbesserungen waren volkswirtschaftlich nicht gedeckt und mussten z.T. über (ausländische) Kredite finanziert werden. In Auswertung dieser Erfahrungen im Realsozialismus müsse deshalb über das Verhältnis von Plan und marktwirtschaftlichen Elemente neu nachgedacht und diskutiert werden. Der Finanzmarktkapitalismus mit seinem Marktradikalismus könne dafür allerdings keine Folie sein.

Ehrlich und glaubwürdig ging Hans Modrow auf das breite Spektrum der Fragen der TeilnehmerInnen, die hier nicht alle wiedergegeben werden können, ein: So wurden u.a. der Vertrauensverlust in das sozialistische System nach der Katastrophe von Tschernobyl und die Politik Chinas gegenüber Tibet, angesprochen.

Für Hans Modrow ist die Tschernobyl-Katastrophe verknüpft auch mit dem verantwortungs- bzw. sorglosen Umgang mit einer hochkomplexen Technik und damit nicht nur das Problem der Technologie selbst. Zu Tibet verwies er auf die Tatsache, dass China 130 Millionen Menschen in seiner Nation vereine, die nicht Han-Chinesen seien. Der Versuch Tibet aus einem rückschrittlichen Entwicklungsstadium herauszuholen habe an diesen Konfliktlinien gerüttelt. Er sei sicher, dass die chinesische Führung zu einem anderen Umgang mit seinen Minderheiten kommen werde.

Dieser Abend ging leider zu schnell zu Ende, lässt aber hoffen auf eine lebendige Weiterführung der Debatte um eine Sozialismuskonzeption für das 21. Jahrhundert. Im aktuellen Fortbildungsprogramm des Landesverbands werden mehrere Veranstaltungen zum Thema angeboten.

Wer den Text von Hans Modrow "Das Ende der DDR – Über die Ursachen und Gründe der Implosion eines Sozialismus –Modells“ nachlesen will, findet ihn im Mai-Heft der Zeitschrift Sozialismus.