IPS - 25.09.2009
Von Jim Lobe
Washington 25. September (IPS) - Drei Monate vor Beginn der Klimakonferenz in Kopenhagen warnt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in einer neuen Untersuchung, dass die negativen Folgen des Klimawandels noch schneller als erwartet eintreten werden.
Wie aus der 68-seitigen Untersuchung 'Climate Change Science Compendium 2009' [1] hervorgeht, steuert die Erde auf einen Punkt zu, der die Zerstörung der weltweiten Ökosysteme unweigerlich mit sich bringt, die das Überleben von Millionen von Menschen sichern.
Dem UNEP-Bericht zufolge, der auf rund 400 neusten wissenschaftlichen Studien beruht, werden die Durchschnitts-temperaturen aller Voraussicht nach bis Ende des 21. Jahrhunderts um 4,3 Grad Celsius steigen. Das gilt selbst für den Fall, dass die Industriestaaten ihre ehrgeizigsten Ziele zur Verringerung der Treibhausgase erreichen.
Meeresanstieg um zwei Meter in einer Generation
"Noch vor einigen Jahren sind wir davon ausgegangen, dass der Anstieg der Meere eine Frage von einem bis zwei Jahrhunderten sein würde", sagte UNEP-Exekutivdirektor Achim Steiner bei der Vorstellung des Berichts am 24. September in Washington. "Jetzt können wir nicht ausschließen, dass der Meeresspiegel im Laufe des Lebens eines heute geborenen Kindes um zwei Meter ansteigt."
Der Weltklimarat IPCC [2] war in seinem letzten Bericht von 2007 noch von einem Anstieg zwischen 18 bis 59 Zentimetern bis 2100 ausgegangen. Die Differenz zu den neusten Zahlen erklärt sich daraus, dass sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des IPCC-Berichts vor zwei Jahren die Klimaexperten über das tatsächliche Ausmaß der Gletscherschmelze nicht einig waren.
Die meisten Modelle, die der IPCC entwickelt hatte, sehen voraus, dass bis Ende 2100 die Arktis im Monat September eisfrei sein wird. "An der Arktis lässt sich ablesen, was uns erwartet", betonte der IPCC-Klimaforscher Robert Correll. "Sie ist uns 30 Jahre voraus. Entwicklungen gehen dort rascher vonstatten." Dem Wissenschaftler zufolge schmelzen die Gletscher inzwischen drei- bis viermal so schnell als 1980.
Laut UNEP-Untersuchung wird sich auch die Übersäuerung der Meere beschleunigen und mit ihr das Sterben der von ihnen abhängigen Arten. Auch für die Landmasse wird es eng. Hier könnte die Schwelle zur Katastrophe in wenigen Jahren oder Jahrzehnten überschritten sein. Im Norden und Süden Afrikas verlängern sich Dürren in den Trockenzeiten, während die Gletscher in Zentralafrika bereits 2030 geschmolzen sein könnten - mit gravierenden Folgen für Mensch und Ökosysteme.
Australien wiederum kann den neusten Prognosen zufolge auf eine dauerhafte Dürre während der Trockenperiode gefasst machen. In Asien gefährdet der Rückgang der Himalaja-Gletscher die Quellgebiete der Flüsse Indus, Ganges und Brahmaputra, wichtigen Wasserlieferanten der bevölkerungsreichen Region. Hinzu kommt der Anstieg des Meeres-spiegels, der andere bevölkerungsreiche Gebiete in Süd- und Südostasien schwere Überschwemmungen bringen wird.
Auch in den Anden Südamerikas schmelzen die Gletscher. Die Entwaldung wird ihren kritischen Punkt binnen der nächsten 50 Jahre erreichen - mit der Folge, dass die Temperaturen der Erdoberfläche drei bis vier Grad Celsius ansteigen.
Worst Case verhindern
Steiner zufolge müssen die Anstrengungen zur Verringerung der Treibhausgase drastisch verstärkt werden, um das Eintreten der 'Worst-Case'-Szenarien zu verhindern oder zumindest aufzuhalten. Sollten sich die Staaten in Kopenhagen im Dezember nicht auf ehrgeizige Ziele einigen, wäre dies seiner Meinung nach "unverzeihlich". Auf dem UN-Gipfeltreffen in New York am 22. September wurden Hoffnungen auf verbindliche Klimaziele erheblich gedämpft.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass der weltweite Energiebedarf zwischen 2005 und 2030 um 55 Prozent ansteigen wird. Sollte die Nachfrage auch weiterhin mit fossilen Brennstoffen gedeckt werden, wäre der Weg in die Katastrophe bald erreicht. Damit der Anstieg der Erderwärmung die zwei Grad Celsius nicht überschreitet, müsste der CO2-Ausstoß zwischen 1990 bis 2050 um 50 Prozent gesenkt werden.
"Die Energiefrage entscheidet alles", meinte Steven Koonin, Staatssekretär im US-Energieministerium, kürzlich auf einem Treffen in Columbus im US-Bundesstaat Ohio. Da die USA jedoch mit einem Klimagesetz in Verzug seien, ließen sich noch nicht einmal die geringsten Emissionseinsparungen durchsetzen
http://www.ipseuropa.org/area.php?key=EN
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Von Evo Morales
Die Logik des kapitalistischen Systems zerstöre die Erde, sagt Boliviens
Präsident Evo Morales und fordert die Industriestaaten auf, ihre
Versprechungen einzuhalten.
Schwestern und Brüder, heute ist unsere Mutter Erde schwer krank. Seit
Beginn des 21. Jahrhunderts haben wir die heißesten Jahre des letzten
Jahrtausends erlebt. Die globale Erwärmung verursacht abrupte
Wetterveränderungen mit katastrophalen Folgen: den Rückgang der Gletscher
und das Abschmelzen der Polarkappen; den Anstieg des Meeresspiegels und die
Überschwemmungen der Küstengebiete; das Wachstum der Wüsten und die Abnahme
der Süßwasservorräte; immer mehr und stärkere Naturkatastrophen sowie das
Aussterben von Tier- und Pflanzenarten.
Dies alles hat 1750 mit der Industriellen Revolution begonnen. In nur
zweieinhalb Jahrhunderten haben die sogenannten entwickelten Staaten einen
großen Teil der fossilen Brennstoffe aufgebraucht, die zuvor in über fünf
Millionen Jahren entstanden sind.
Es ist die Logik des kapitalistischen Systems mit der Gier nach Gewinn ohne
Ende, die den Planeten zu zerstören droht. Im Kapitalismus sind wir nicht
Menschen, sondern KonsumentInnen. Für den Kapitalismus gibt es keine Mutter
Erde, sondern nur Rohstoffe. Der Kapitalismus ist die Ursache von
Ungleichheiten in der Welt. Er schafft Luxus für einige wenige, während
Millionen an Hunger sterben. In den Händen des Kapitalismus verwandelt sich
alles in eine Ware: das Wasser, die Erde, das menschliche Genom, die uralten
Kulturen, die Justiz, die Ethik, der Tod und selbst das Leben. Alles,
absolut alles, ist zu kaufen und zu verkaufen im Kapitalismus. Selbst der
Klimawandel wird dabei zu einer Ware.
Mit der Unterzeichnung des Kioto-Protokolls von 1997 haben sich die
Industrienationen und die Schwellenländer dazu verpflichtet, ihren Ausstoß
an Treibhausgasen um mindestens fünf Prozent unter das Niveau von 1990 zu
senken. Dieses Ziel sollte durch die Umsetzung verschiedener, vor allem vom
Markt dominierten Mechanismen erreicht werden. Bis zum Jahr 2006 hatte der
Ausstoß der Treibhausgase in Relation zu 1990 allerdings um 9,1 Prozent
zugenommen. Die Marktmechanismen haben keine maßgebliche Reduktion der
Emissionen erreicht. Dies zeigt, dass der Markt weder dazu fähig ist, das
globale Finanz- und Produktionssystem zu regulieren, noch den Ausstoß der
Treibhausgase zu begrenzen. Der Markt schafft einzig neue Gelegenheiten für
Geschäftemacherei von InvestorInnen und Konzernen.
Während die USA und die EU den Banken 4100 Milliarden US-Dollar zugesprochen
haben, um diese aus einer Krise zu retten, die von den Banken selbst
verursacht worden ist, erhalten Programme gegen den Klimawandel nur 13
Milliarden US-Dollar.
Hinzu kommt, dass diese Mittel unfair verteilt werden. Es wird wesentlich
mehr Geld dafür eingesetzt, die Emissionen zu reduzieren (Abschwächung), als
die Folgen des globalen Klimawandels zu verringern (Adaptierung), unter
denen alle Länder leiden. So fließt der Hauptanteil der Gelder für
Sanierungs- und Entwicklungspläne genau in jene Staaten, welche die Umwelt
am stärksten verschmutzt haben.
Gleichzeitig bleiben die Versprechungen für Technologietransfers und für die
Finanzierung von Programmen zur nachhaltigen Entwicklung in den Ländern des
Südens reine Worthülsen. Wir müssen also beim nächsten Klimagipfel in
Kopenhagen einen großen Schritt vorwärts machen, wenn es uns gelingen soll,
Mutter Erde und die Menschheit zu retten. Zu diesem Zweck mache ich folgende
Vorschläge:
Strukturelle Ursachen
1) Es braucht eine Debatte über die strukturellen Ursachen des Klimawandels.
Solange wir nicht das kapitalistische System aufgeben und es gegen ein
System tauschen, das auf Solidarität, Gemeinschaft und Harmonie zwischen
Mensch und Natur basiert, bleiben alle unsere Maßnahmen wirkungslose und
gefährliche Symptombekämpfung. Für uns, die indigenen Völker, ist das Modell
des «Besser Leben» gescheitert. Wir glauben nicht an die rein an Wachstum
orientierte Vorstellung von Fortschritt und die unbegrenzte und
grenzüberschreitende Entwicklung auf Kosten anderer und der Natur. Aus
diesem Grund sprechen wir stattdessen vom «vivir bien», vom guten Leben in
Harmonie mit anderen Menschen und mit der Mutter Erde.
2) Die entwickelten Staaten müssen ihr Konsumverhalten kontrollieren und
Schluss machen mit dem Luxus, der Verschwendung und dem exzessiven
Brennstoffverbrauch. Subventionen für fossile Brennstoffe müssen abgeschafft
und stattdessen alternative und umweltfreundliche Energien entwickelt
werden: die Sonnenergie, die Erdwärme, die Wind- und Wasserkraft.
3) Die sogenannten Biotreibstoffe stellen keine Alternative dar, da sie die
Produktion für Brennstoffe über die Produktion von Lebensmitteln stellen.
Sie weiten die Agrarproduktion aus und zerstören dadurch die Wälder und die
Biodiversität. Sie lassen Monokulturen entstehen, begünstigen die
Landkonzentration in den Händen weniger, verschlechtern die Bodenqualität,
erschöpfen Wasserressourcen, treiben die Preise für Nahrungsmittel in die
Höhe und führen häufig zum Konsum von noch mehr Energie.
Zusagen einhalten
4) Die Industrienationen müssen ihre Verpflichtung zur Reduktion der
Treibhausemissionen um mindesten fünf Prozent unter das Niveau von 1990 bis
zum Jahr 2012 strikt einhalten. Es ist nicht akzeptabel, dass dieselben
Staaten, die in der Vergangenheit den Planeten verschmutzt haben, nun
Versprechen für noch mehr Reduktionen in der Zukunft abgeben, ohne sich an
ihre gegenwärtigen Verpflichtungen zu halten.
5) Die Industrienationen müssen neue Mindestverpflichtungen eingehen und
eine Reduktion der Treibhausgase um vierzig Prozent bis 2020 und um neunzig
Prozent bis 2050 anstreben, ausgehend vom Stand der Emissionen von 1990.
Diese Reduktion muss in den Staaten selbst umgesetzt werden und kann nicht
durch flexible Marktmechanismen wie mit dem Handel von Emissionszertifikaten
erreicht werden. Entsprechend müssen wir Systeme zur Kontrolle, Messung und
Dokumentation entwickeln, die transparent und für die Öffentlichkeit
zugänglich sind.
6) Jene Entwicklungsstaaten, die in der Vergangenheit nicht zur
Verschmutzung der Umwelt beigetragen haben, müssen ihren Raum auch weiter
schützen dürfen sowie eine alternative und nachhaltige Entwicklung umsetzen
können, die nicht die Fehler der wilden Industrialisierung wiederholt. Um
diesen Prozess zu unterstützen, sind diese Staaten unbedingt auf einen
Finanz- und Technologietransfer angewiesen.
Ökologische Schulden
7) Die Industrienationen müssen ihre historisch bedingten ökologischen
Schulden anerkennen und für die Entwicklungsstaaten einen «Integrierten
Finanzmechanismus» schaffen, der folgende Punkte unterstützt:
Sanierungspläne und Programme zur Reduktion der Emissionen wie auch der
Folgen des Klimawandels müssen umgesetzt werden; Technologien müssen
entwickelt und transferiert werden; auf Naturkatastrophen, die vom
Klimawandel ausgelöst sind, muss besser reagiert werden; nachhaltige und
umweltfreundliche Entwicklungspläne müssen realisiert werden.
8) Um tatsächlich wirksam sein zu können, muss dieser «Integrierte
Finanzmechanismus» auf finanzielle Zuwendung in der Höhe von mindestens
einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Industriestaaten zählen können.
Zudem muss er Beiträge erhalten aus Abgaben auf Erdöl und Erdgas, auf
Finanztransaktionen, auf Meeres- und Lufttransporte sowie auf die Profite
der transnationalen Konzerne.
9) Diese Beiträge der Industrienationen müssen zusätzlich geleistet werden
und dürfen nicht Teil der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit,
bilateralen Förderung oder Hilfsleistungen von Organisationen sein. Jede
Form der finanziellen Hilfe außerhalb der Klimarahmenkonvention der Uno
(UNFCCC) kann nicht als Erfüllung der Verpflichtung der Staaten im Rahmen
der Konvention betrachtet werden.
10) Diese Geldmittel müssen direkt den Plänen oder nationalen Programmen der
einzelnen Staaten zugute kommen und dürfen nicht gemäß der Logik des Marktes
verteilt werden.
11) Die Geldmittel dürfen nicht nur an einige wenige Industriestaaten
verteilt werden, sondern müssen vor allem jenen Staaten zugute kommen, die
weniger Treibhausgase freisetzen, die die Natur erhalten und welche vor
allem unter den Folgen des Klimawandels zu leiden haben.
12) Der weitreichende finanzielle Mechanismus muss von der Uno verwaltet
werden und nicht vom Globalen Umweltfonds oder von anderen Finanzvermittlern
wie der Weltbank oder regionalen Entwicklungsbanken; die Leitung muss sich
kollektiv, transparent und unbürokratisch verhalten. Sämtliche
Entscheidungen müssen zudem gemeinsam von allen Mitgliedstaaten - besonders
den Entwicklungsländern - getroffen werden und nicht nur von den
Geberstaaten.
Technologietransfer
13) Sämtliche Innovation und technische Entwicklung im Bezug auf den
Klimawandel muss lizenzfrei sein und darf nicht unter einem privaten
monopolistischen Patentregime stehen.
14) Jedes Produkt aus öffentlich finanzierter Innovation und technischer
Entwicklung muss lizenzfrei und für alle Entwicklungsstaaten zugänglich
sein.
15) Das System der freiwilligen oder zwangsweisen Freigabe von bereits
bestehenden Lizenzen muss gefördert und verbessert werden, damit alle
Staaten gratis Zugang dazu haben. Industrienationen sollten ihre Patente und
Rechte an geistigem Eigentum nicht als etwas behandeln dürfen, das es mit
allen Mitteln zu verteidigen gilt.
16) Das Handeln und Denken in Harmonie mit der Natur, das die indigenen
Völker praktizieren, muss wieder belebt und gefördert werden, da es sich
über Jahrhunderte hinweg als sehr nachhaltig erwiesen hat.
Mithilfe von allen
17) Programme, Pläne und Aktionen zur Verringerung der Folgen des
Klimawandels sollen unter Mithilfe der lokalen Gemeinschaften und der
indigenen Völker gefördert werden. Das beste Mittel, den Herausforderungen
durch den Klimawandel zu begegnen, sind nicht Marktmechanismen, sondern der
Einsatz von motivierten und gut organisierten Menschen, die über eine
kulturelle Identität verfügen.
18) Die Reduktion der Emissionen, die durch Abholzung und Schädigung des
Waldes entstehen, muss auf einem Mechanismus der direkten Kompensation
zwischen den Entwicklungsländern basieren. Die lokalen Gemeinschaften müssen
daran beteiligt sein. Es braucht zudem transparente und öffentlich
zugängliche Mechanismen zur Kontrolle, Dokumentation und Verifizierung.
19) Wir brauchen eine weltweite Organisation für den Schutz der Umwelt und
des Klimas, der die weltweiten Handels- und Finanzorganisationen
untergeordnet sind. So wäre es möglich, umweltfreundliche und
lösungsorientierte alternative Modelle zu fördern. Diese Organisation muss
zudem über effiziente Methoden verfügen, durch die sie nachfassen,
verifizieren und sanktionieren kann, um sicherzustellen, dass heutige und
zukünftige Vereinbarungen auch eingehalten werden.
20) Es ist unabdingbar, die Welthandelsorganisation, die Weltbank, den
Internationalen Währungsfonds und das gesamte internationale
Wirtschaftssystem einer strukturellen Anpassung zu unterziehen. Nur so kann
in Zukunft ein fairer und sich ergänzender Handel garantiert werden. Und nur
so kann ohne Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung finanziert werden, die
Verschwendung vermeidet.
Die Menschheit ist fähig, die Erde zu retten, aber nur, wenn wir uns auf die
Prinzipien der Solidarität und der ergänzenden Harmonie mit der Natur
besinnen - und uns lossagen von der Herrschaft des Wettbewerbs, des
Profitdenkens und des ungezügelten Konsums der natürlichen Ressourcen.
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Evo Morales
Juan Evo Morales Ayma ist seit Januar 2006 Präsident von Bolivien. Er ist
der erste Angehörige einer indigenen Bevölkerungsgruppe, der dieses Amt in
Bolivien bekleidet.
1. Durch die Nutzung fossiler Brennstoffe, das Abholzen von Wäldern und weitere Aktivitäten setzt der Mensch große Mengen Treibhausgase frei. Die Konzentration von Kohlendioxid in der Luft ist von 280 ppm (0,028 Prozent, ppm heißt „parts per million“) in vorindustrieller Zeit auf heute mehr als 380 ppm angestiegen, den höchsten Wert seit mindestens 800.000 Jahren. Die Erdoberfläche wird dadurch einem massiven anthropogenen, „menschgemachten“, Treibhauseffekt ausgesetzt, der die globale Durchschnittstemperatur seit 1900 bereits um etwa 0,8 Grad Celsius erhöht hat.
2. Wirtschaftet die Menschheit weiter wie bisher, könnte sich das Erdklima bis zum Jahr 2100 um fünf Grad Celsius erwärmen. Das ist in etwa der Temperaturunterschied zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit. Aus der heutigen Warmzeit steuerten wir also auf eine „Heißzeit“ zu.
3. Durch die Erwärmung dehnt sich das Meerwasser aus und es strömt zusätzliches Schmelzwasser von Gletschern und Eisschilden in die Ozeane. Der Meeresspiegel ist im letzten Jahrhundert um 15 bis 20 Zentimeter angestiegen, in diesem Jahrhundert werden weitere 50 bis 150 Zentimeter erwartet. Die weitere Erwärmung könnte die Eisschilde auf Grönland und der Antarktis destabilisieren. In der Erdgeschichte stieg der Meeresspiegel pro Grad globaler Erwärmung um 10 bis 15 Meter an. Wie schnell das geschah, ist derzeit aber noch unklar.
4. Der anthropogene Treibhauseffekt könnte das Klimasystem der Erde über kritische Grenzen hinaus belasten, sodass wichtige Prozesse im Gesamtgefüge „kippen“ und von da an grundsätzlich anders ablaufen. Das würde das Klima ganzer Subkontinente und Meeresbecken verändern und könnte etwa das arktische Meereis und Himalaja-Gletscher abschmelzen lassen oder den Amazonasregenwald schädigen. Auch ein sich selbst verstärkender Treibhauseffekt kann nicht ausgeschlossen werden, falls das Klimasystem aufgrund der Erwärmung beginnt Treibhausgase freizusetzen.
5. Gelingt es, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, ließen sich nach heutigem Stand der Forschung die gefährlichsten Folgen des Klimawandels abwenden. Dazu müsste die Konzentration aller Treibhausgase langfristig so niedrig gehalten werden, dass ihre Wirkung die von 450 ppm Kohlendioxid nicht überschreitet. Um das Zwei-Grad-Ziel erreichen zu können, muss der Treibhausgasausstoß weltweit bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts auf etwa die Hälfte des Niveaus von 1990 gesenkt werden.
6. Die notwendigen Maßnahmen zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels würden die globale Wirtschaftsleistung bis 2100 um insgesamt etwa ein Prozent verringern. Voraussetzung ist, dass technologische und institutionelle Innovationspotenziale voll ausgeschöpft werden. Bei einer durchschnittlichen wirtschaftlichen Wachstumsrate von drei Prozent wäre die Verzögerung des Wirtschaftswachstums am Ende des Jahrhunderts in etwa vier Monaten ausgeglichen.
7. Die Anpassung an den Klimawandel und die Begrenzung der Erwärmung auf zwei Grad Celsius erfordern eine „Große Transformation“ der globalen Wirtschaft, die auch das Stadt- und Landleben neu definiert.
by Patrick Eickemeier —Jun 24, 2008
Interessantes zum Download:
Klimaforscher stellen „Kopenhagen‐Diagnose“
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1015222&_z=859070
Kurzdarstellung
Die bedeutensten Forschungsergebnisse, die den aktuellen Klimawandel betreffen, sind:
http://www.bi-bigben.de/pdf/copenhagen_diagnosis.pdf