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Streikgeld statt Rendite

Der Zeitungskonzern Mecom will seine Gewinne steigern. Vielen Beschäftigten in Hamburg und Berlin droht daher die Kündigung. Aber der Widerstand wächst – erste Warnstreiks gab es schon.

Stellenabbau, Proteste und Streiks – Themen, über die Zeitungen normalerweise berichten. Nun sind es allerdings die Beschäftigten der Hamburger Morgenpost (MOPO) und des Berliner Verlages selbst, die gegen Stellenstreichungen auf die Straße gehen.

Dabei sind die Beschäftigten der MOPO einiges gewohnt: Dreimal hat das 1949 von der SPD gegründete Traditionsblatt in den vergangenen 25 Jahren den Besitzer gewechselt. Zuletzt ging die Zeitung im Januar 2006 an die Deutsche ­Zeitungsholding, eine Tochter der Mecom-Gruppe des britischen Medienmoguls David Montgomery. Der will den Betrieb nun „optimieren“ – das bedeutet: Stellenabbau.

Mecom plant, bei der MOPO und bei den Zeitungen der Mecom-Tochter Berliner Verlag (Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Stadtmagazin Tip) rund 150 der insgesamt 930 Vollzeitstellen abzubauen. Von den 105 Arbeitsplätzen bei der MOPO könnten Ende des Jahres nur noch 85 übrig sein. Der Sport- und der Politikteil sollen in Berlin produziert werden, Buchhaltung und Vertrieb soll auch der Berliner Verlag übernehmen. Den Berliner Mecom-Beschäftigten droht ebenfalls Arbeitsplatzabbau: Die Auto-, die Reise-, die Medien- und die Immobilienseite der Berliner Zeitung sollen künftig extern produziert werden.

Für die Netzeitung, ebenfalls eine Mecom-Tochter, gibt es unterdessen wenigstens teilweise Entwarnung: Die befürchtete Halbierung der Stellenzahl in der Online-Redaktion soll ausbleiben, erklärte Geschäftsführer Robert Daubner am 18. Juli. Er plane dafür ein „sehr experimentelles“ Online-Projekt. Die Beschäftigten könnten selbst entscheiden, ob sie daran teilnehmen wollen. Wer sich dagegen entscheide, solle allerdings das Unternehmen verlassen. Bei den freien Mitarbeitern müsse man sparen und werde sich die „Crème de la Crème“ aussuchen, so Daubner. „So viel zu dem Thema ‚keine betriebsbedingten Kündigungen’“, urteilt der Konzernbetriebsrat des Berliner Verlages.

Mecom besitzt 300 Titel in den Niederlanden, Dänemark, Norwegen, Deutschland und Polen und konnte 2007 einen Gewinn von 120 Millionen Pfund erzielen. Der Londoner Investor betont zwar immer wieder, keine der berühmt-berüchtigten „Heuschrecken“ zu sein, die nur auf kurzfristigen Gewinn aus sind. Für die Beschäftigten der deutschen Mecom-Töchter sprechen die Sparpläne eine andere Sprache.

Verantwortlich für deren Umsetzung ist Josef Depenbrock, Geschäftsführer der Deutschen Zeitungsholding und des Berliner Verlages, Herausgeber und Ex-Chefredakteur der MOPO und Chefredakteur der Berliner Zeitung. Die Rendite der Holding liege heute bei 15 Prozent, „aber wir wären gern über 20“, begründet Depenbrock, „Vollstrecker seines Investors“ (Financial Times Deutschland), die Sparvorhaben.

Für die Beschäftigten ein Grund mehr, sich gegen das Vorgehen des Konzerns zu wehren. Denn in der „reinen Shareholder-Ausrichtung“ der Mecom sieht MOPO-Betriebsrat Holger Artus auch eine Gefahr für die journalistische Qualität der Zeitungen. „Das Zeitungsmachen soll nach industriellen Maßstäben umgestaltet werden, um Rendite-Erwartungen zu erfüllen“, so Artus.

Und der Widerstand der Beschäftigten wächst: Beim Stadtmagazin Tip hieß es noch vor wenigen Tagen, jede vierte Stelle solle gestrichen werden. Die Beschäftigten reagierten mit Warnstreiks, um den Arbeitgeber zu Verhandlungen über Beschäftigungssicherung und die Übernahme des Branchenüblichen Tarifvertrages zu bewegen. Zumindest ein Teilerfolg konnte erzielt werden: Die Geschäftsführung bot für den 5. August ein erstes Sondierungsgespräch an. Außerdem werde das Unternehmen bei seinen personellen Planungen darauf achten, dass Mitarbeitern, „denen gekündigt wird, möglichst eine Stelle im Konzern des Berliner Verlages“ angeboten wird, so Geschäftsführer Robert Rischke in einem Schreiben an die Tip-Beschäftigten. Bislang nur unverbindliche Zusagen. „Wir erwarten, dass es nicht bei einem Sondierungsgespräch bleibt, sondern dass wir in Verhandlungen eintreten“, so Thomas Skorloff, Betriebsratsvorsitzender beim Tip.

Und der Warnstreik in Berlin könnte erst ein Auftakt für eine längere Auseinandersetzung gewesen sein: Die Hamburger und Berliner Mecom-Beschäftigten haben sich bereits auf einheitliche Tarifforderungen geeinigt. Damit ist der Weg frei für Tarifverhandlungen mit dem Konzern – und für gemeinsame Streiks.