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Israel-Boykott und Judenhaß

Thomas Immanuel Steinberg


Naomi Klein hat zum Boykott, zur Desinvestition und zu Sanktionen gegen Israel aufgerufen. Der berühmten Kanadierin zur Seite stehen die israelischen Kriegsdienstverweigerer, Michel Warschawskis Alternative Information Center in Jerusalem, die European Jews for a Just Peace mit der deutschen Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost und der Union juive française pour la paix (UJFP) sowie viele große und kleine jüdische Organisationen außerhalb des zionistisch-neokonservativen Mainstreams in anderen Ländern, vor allem in den USA.

Schüren die Jüdin Naomi Klein und ihre jüdischen Mitstreiter in Israel und aller Welt den Judenhaß? Sind Klein und ihre Friedensjuden selbst für den Antisemitismus mitverantwortlich? So sonderbar die Frage, so selbstgewiß die deutschen Publizisten, die genau das behaupten. Martin Altmeyer zum Beispiel schreibt in der taz:

Israel benutze, so Naomi Klein in ihrem verstiegenen Essay (1), "den Status eines befestigten Landes, das von wütenden Feinden umgeben ist, als eine Art rund um die Uhr geöffneten Ausstellungsraum - als lebendiges Beispiel für den Genuss relativer Sicherheit mitten im Dauerkrieg". Das dämonisierte Israelbild, das sie hier entwirft, enthält die ganze Palette antisemitischer Klischees, nur dass diese nicht den Juden, sondern dem Staat Israel angeheftet werden: die Geschäftstüchtigkeit und Habgier der Juden; ihre Gerissenheit und Hinterhältigkeit; der heimliche Einfluss, den sie in aller Welt ausüben, bis zur Wahnvorstellung von jüdischer Allmacht; das "Gerücht über die Juden" (Adorno), dem Anspielungen genügen, um zu wissen, wer hinter der großen Weltverschwörung steckt; und schließlich der Vorwurf, die Juden seien selbst für den Antisemitismus verantwortlich.

Der Autor verwirft den judäophoben Vorwurf, die Juden seien selbst für Judenhaß, Verfolgung und Vernichtung verantwortlich; er engt ihn auf eine bestimmte Jüdin ein – und zwar ausgerechnet auf die Friedensjüdin Naomi Klein. Nicht die israelische Regierung und die Zionisten, also die Kriegsjuden, wohl aber Klein trüge Schuld am Judenhaß.

Schuld am Protestantenhaß? 

Was da im Journalistenkopf abläuft, läßt sich anhand des Falles Nordirland erläutern. Der inzwischen halbwegs beigelegte Konflikt zwischen Unionisten, (pro-britisch, Ober- und Mittelschicht) und Republikanern (pro-irisch, Mittel- und Unterschicht) wurde wieder und wieder von beiden Kriegsparteien und von außen als Religionskonflikt mißverstanden: zwischen (unionistischen) Protestanten und (republikanischen) Katholiken. Protestanten haßten „Katholiken“, Katholiken haßten „Protestanten“. Durch Missetaten schürten Unionisten den Haß von Republikanern auf „die Protestanten“; durch ähnlichen Missetaten schürten Republikaner den Haß von Unionisten auf „die Katholiken“.

Beide Seiten schrieben die Missetaten nicht den (haßerfüllten) Kämpfern für eine bestimmte Ausgestaltung Nordirlands zu, sondern jeweils „den Katholiken“ oder „den Protestanten“. Die Frage, ob die Protestanten am Protestentantenhaß selber schuld waren, oder die Katholiken am Katholikenhaß, klingt angesichts der Fakten nicht nur sonderbar, sondern schlicht blöd.

Denn am Haß gegen ein Kollektiv ist schuld, wer 

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Missetaten einzelner Mitglieder eines Kollektivs diesem Kollektiv zuschreibt; oder 

Missetaten einzelner Mitglieder des eigenen Kollektivs im Namen des Kollektivs billigt. 

Nur wenn wirklich das ganze Kollektiv eine Missetat begeht oder zumindest billigt, liegt Kollektivschuld vor.

Die Juden um Naomi Klein mißbilligen die Missetaten der Kriegsjuden. Sie fordern zu Boykott, Desinvestition und Sanktionen des Staats auf, der von den Kriegsjuden beherrscht wird. Eine Friedensjüdin des Judenhasses zu bezichtigen, ist ebenso blöd, wie einen protestantischen irischen Friedenskämpfer des Protestantenhasses zu beschuldigen, weil er sich gegen protestantische Krieger stellt.

Der Alleinvertretungsanspruch der Kriegsjuden

Kriegsjuden unterscheiden sich, und zwar wegen ihrer Haltung zu Herstellung und Einsatz von Waffen, in einem zentralen Punkt von Naomi Klein: Sie beanspruchen, für alle Juden zu sprechen. Ihre Schuld an den israelischen Missetaten in Gaza, sei es durch eigenhändigen Mord, sei es durch dessen Anordnung oder Billigung, wollen sie allen Juden zugeschrieben sehen. 

Die Kriegsjuden von Olmert bis Knobloch schüren tatsächlich den Haß auf das ganze jüdische Kollektiv, sie schüren Judenhaß. Und mit dem rechtfertigen sie die Herstellung und den Einsatz von Waffen.

Boykott

Naomi Klein beansprucht nicht, für alle Juden zu sprechen oder überhaupt nur für Juden. Sie hat nichts von Herstellung oder Einsatz von Waffen, sie hat nichts vom Haß. Sie fordert: Boykottiert die Kriegsjuden!

Tun wir’s.

T:I:S, 6. Februar 2009. Zahlreiche Boykott-Aufrufe unter Kritik an Israel

Anmerkung

(1) Naomi Klein: Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2007, ISBN 3-10-039611-1. Dazu siehe Naomi Klein

URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/09kriegsjuden.htm#Judenhass