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Ausmaß der Zerstörung in Gaza wird bekannt

Das Bild, das der Gaza bietet, straft die Behauptungen der israelischen Regierung Lügen. Sie behauptet, dass ihre Militärschläge eine defensive Reaktion auf den Beschuss der Hamas gewesen seien, und dass die Leitung der "Operation gegossenes Blei" mit großer Umsicht vorgegangen wäre, um zivile Opfer zu vermeiden. Die Offensive war tatsächlich aber ein Kriegsverbrechen - ein Akt der kollektiven Bestrafung, der darauf abzielte, die palästinensische Bevölkerung zu demoralisieren und einzuschüchtern, um dadurch jeden Widerstand gegen die israelische Besatzung zu unterdrücken. Zweifellos wollte der zionistische Staat damit auch eine Warnung an die Adresse des Iran, Syriens, des Libanon und anderer potentieller Gegner seiner expansionistischen Strategie richten.

Es fiel den Journalisten im Gaza sichtlich schwer, eine angemessene Metapher oder ein historisches Vorbild für eine derartige Zerstörung zu finden. Aus Gaza-Stadt schrieb Douglas Hamilton für Reuters: "Die Zerstörung ist total, als hätte ein schreckliches Erdbeben stattgefunden. Aber dies war keine Naturkatastrophe. ... Fährt man in die Vorstadt hinauf, die einst stolz auf dem Bergkamm saß, dann ist es, als käme man in einem Winkel von Stalingrad an, eine düstere Szene der Zerstörung aus einer Schlacht des zweiten Weltkriegs."

Associated Press: "Die Zerstörung hat Straßen in eine Mondlandschaft verwandelt."

Die Financial Times sprach mit Jaber Wishah, stellvertretender Direktor des palästinensischen Menschenrechtszentrums. "Dies erinnert uns an den Film The Day After [ Der Tag danach ]", und bezog sich damit auf einen amerikanischer Spielfilm über die Auswirkungen einer nuklearen Katastrophe. "Die Menschen stehen völlig unter Schock."

Gebäude und Grundstücke, die in irgendeiner Form mit der palästinensischen Autonomie zu tun haben, wurden besonders angegriffen. Die Parlaments- und Regierungsgebäude in Gaza-Stadt wurden zerstört, wie auch das Polizeihauptquartier, die Bank von Palästina, die Hauptuniversität und mehrere Moscheen. Israelische Bomben und Panzer ruinierten Olivenhaine und Obstplantagen. Größere Einkaufszentren und Märkte sind betroffen. Von den wenigen Fabriken, die im Gaza arbeiten, wurden mehrere zerstört. "Die einzige Zementfabrik ist jetzt ein riesiger Schrottplatz, der Zementsilo hängt bedenklich schief", berichtet Associated Press. "Das Wohnhaus des Eigentümers, das von israelischen Panzergranaten getroffen wurde, ähnelt einem Schweizer Käse."

Viele Wohngebiete, auch zahlreiche Hochhaussiedlungen, sind schwer beschädigt und oftmals von Mörsern und Bomben vollkommen zerstört. Laut UN-Berichten sind über 50.000 Palästinenser obdachlos; sie drängen sich in den fünfzig Notschutzräumen. Die genaue Zahl der Menschen, die durch den israelischen Angriff obdachlos geworden sind, könnte sich leicht erhöhen, sobald das volle Ausmaß der Schäden besser bekannt ist. Nach einer vorläufigen Schätzung, die das Palästinensische Zentralbüro für Statistik herausgegeben hat, belaufen sich die strukturellen Schäden auf mindestens 1,9 Milliarden Dollar.

Reuters berichtete: "Städtische Bulldozer schoben die zerstörten Wagen und heruntergefallenen Betonbrocken von den Straßen, aber nichts konnte das Ausmaß der Zerstörung verhüllen, das die israelische Militärmaschine angerichtet hatte. ‚Die Menschen erkennen manchmal nicht einmal die Stelle wieder, wo ihr Haus einmal stand’, funkte ein Polizist aus der Stadt Beit Lahija im Norden an seinen Kommandanten."

Mehrere Journalisten berichteten über rassistische Graffiti, die von israelischen Soldaten auf den Wänden ausgebombter Wohnhäuser und Moscheen hinterlassen wurden. "Hamas Nutten" auf Hebräisch, und "Hamas is dead" auf Englisch wurde an die Wand einer Moschee in Zeitoun, einer Vorstadt von Gaza-Stadt, gesprüht. Der Guardian berichtete, dass ein Haus in der Nähe folgende Slogans aufwies: "Araber müssen sterben", und "Araber: 1948 bis 2009". Solche Beschimpfungen sind Beweis für die faschistische Stimmung, die in der israelischen Armee gefördert wird.

Die humanitäre Krise, die jetzt vor dem palästinensischen Volk steht, wird noch dadurch verschlimmert, dass Israel die Wasser- und Stromversorgung von Gaza beschossen hat. Berichten zufolge sind die Menschen in Gaza-Stadt gezwungen, Feuer anzuzünden und sich ihre Mahlzeit am Rande zertrümmerter Straßen zuzubereiten.

Selbst vor dem Krieg war die Infrastruktur, besonders Wasser und Elektrizität, schon durch die israelische Besatzung beschädigt. Das wichtigste Elektrizitätswerk arbeitete nur sporadisch, und Benzinmangel beeinträchtigte die Wasserpumpen. Jetzt hat der Militärangriff sechs große Wasserspeicher zerstört oder beschädigt und dadurch die Wasserversorgung für weitere 200.000 Menschen von den insgesamt 1,4 Millionen Bewohnern des Gazastreifens unterbrochen. Dies berichtete ein leitender Beamter der Wasserbehörde gegenüber der Washington Post. Der Uno zufolge haben 400.000 Menschen im Gaza heute keinen Zugang zu fließendem Wasser. In Gaza-Stadt wurden viele Stromleitungen und achtzig Prozent des Stromnetzes beschädigt. Palästinensische Techniker sagten, die Wiederherstellung der Wasser- und Stromversorgung werde Wochen dauern und nur möglich sein, wenn Israel erlaube, Ausrüstung und Ersatzteile einzuführen.

Die schrecklichen Opfer, die die palästinensische Bevölkerung erlitten hat, unterstreichen die Barbarei des israelischen Angriffs. Mindestens 1.300 Menschen wurden getötet, darunter Hunderte Kinder. Die Zahl wird wahrscheinlich noch steigen, wenn viele Familien die verwesenden Leichen weiterer Angehörigen unter den Schutthaufen entdecken, die einmal ihre Wohnungen und ihre Geschäfte waren.

Schätzungsweise 5.300 Menschen wurden verletzt, viele davon schwer. Mediziner im Gaza berichten über eine ungewöhnlich hohe Zahl von Gliedmaßenamputationen. Dr. Jan Brommundt, ein deutscher Arzt von ‚Ärzte der Welt’ in der Stadt Khan Younis im Süden von Gaza, sagte zu Al-Dschasira, die Verletzungen, die er gesehen habe, seien "absolut gräulich" gewesen. Er sagte, Chirurgen hätten von zahlreichen Fällen berichtet, bei denen nicht nur eins, sondern beide Beine amputiert werden mussten. Das ließ den Verdacht aufkommen, dass das israelische Militär Dense Inert Metal Explosives (Dime) eingesetzt habe, eine noch in der Erprobung befindliche Waffe, die geladenes Wolfram ausstößt, das wie Micro-Schrapnelle wirkt und in einem Vier-Meter-Radius alles verbrennt und zerstört.

"Die Opfer zeigen innerhalb von einer bis fünf Stunden Anzeichen einer akuten Bauchentzündung, die wie ein entzündeter Blinddarm aussieht. Aber bei der Operation stellt sich heraus, dass in allen Organen Dutzende winzige Partikel zu finden sind", erklärte Dr. Brommundt. "Es scheint sich um einen Explosivstoff oder eine Granate zu handeln, die winzige Partikel mit einer Größe von etwa 1x1 oder 1x2 Millimeter verschleudert, die in alle Organe eindringen. Diesen winzigen Verletzungen ist chirurgisch nicht beizukommen."

Ein anderer Arzt bestätigte diese Berichte. Dr. Erik Fosse, ein norwegischer Chirurg, der während der israelischen Offensive im Al-Sharifa-Krankenhaus im Norden von Gaza arbeitete, sagte zu Al-Dschasira, es habe einen deutlichen Anstieg von Doppelamputationen gegeben. "Wir vermuten, dass Dime-Waffen eingesetzt wurden, weil wir riesige Amputationen vornehmen mussten, und Fleisch von den unteren Körperregionen fortgerissen wurde", sagte er. "Die Druckwelle [einer Dime-Waffe] bewegt sich vom Boden her nach oben. Deswegen hat die Mehrheit der Patienten schwerste Verletzungen an den unteren Körperregionen und am Bauch... Das Problem ist, dass die meisten Patienten Kinder waren. Wenn die Israelis so genau geschossen haben, wie sie immer behaupten, dann muss man annehmen, dass diese Waffen gegen Kinder gerichtet waren."

Immer mehr Berichte belegen, dass Israel während seiner Offensive Kriegsverbrechen begangen hat. Amnesty International erklärte gestern, der Einsatz von Munition mit Weißem Phosphor in dicht bewohnten palästinensischen Gebieten sei wahllos und illegal. Das israelische Militär hat behauptet, es habe Phosphor nur zur Vernebelung eingesetzt, aber Amnesty hat Beweise gefunden, dass die Brand fördernde und ätzende Substanz als chemische Waffe eingesetzt wurde.

Es wird auch berichtet, dass die israelische Armee Kugeln und Granaten abgefeuert hat, die mit abgereichertem Uran ummantelt waren. Arabische Botschafter übermittelten der Internationalen Atomenergieagentur gestern einen Brief, in dem Generalsekretär Mohamed El Baradei aufgefordert wird, radiologische und physikalische Untersuchungen anstellen zu lassen, um festzustellen, ob Israel im Gazastreifen abgereicherte Uranmunition eingesetzt habe.

Vertretern Israels zufolge sollen die Bodentruppen bis zur Amtseinführung Barack Obamas aus dem Gaza zurückgezogen sein. Diese zynische politische Berechnung deutet auf die Zerbrechlichkeit der Feuerpause hin. Es gibt jetzt schon Stimmen im politischen und militärischen Establishment Israels, dass erneute Kampfhandlungen nur eine Frage der Zeit seien. Oppositionsführer Benjamin Netanjahu erklärte am Sonntag, die Armee habe "Hamas einen schweren Schlag zugefügt, aber leider ist der Job nicht zu Ende geführt worden".

Es besteht nach wie vor die Gefahr, dass weiterer Raketenbeschuss aus Gaza Israel den Vorwand für eine breiter angelegte regionale Offensive liefern könnte, die möglicherweise auch einen Angriff auf den Iran beinhalten würde. Die Jerusalem Post und Haaretz brachten gestern Berichte, die behaupteten, Teheran plane, Raketen mit großer Reichweite in die palästinensischen Territorien zu schmuggeln. Keiner der beiden Artikel lieferte irgendwelche Beweise für diese Behauptung. Stattdessen beriefen sie sich auf "Geheimdienstkreise", was darauf hin deutet, dass die Berichte vom israelische Militär und Geheimdienst gestreut worden sind.

Quelle: www.wsws.org/de/2009/jan2009/gaza-j21.shtml