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Regressive Vergangenheitsbewältigung

Moshe Zuckermann über das Böse der Banalisierung

von Antisemitismus und Shoah

Von Susann Witt-Stahl  Neues Deutschland 5.10.2010 

Wenn Ideologiekritik instrumentalisiert und so sehr zur Lüge wird, dass sie sich der kritisierten Ideologie annähert, sogar in sie zurückfällt, dann ist eine Ideologiekritik dieser ideologisierten Kritik notwendig. Vor allem dann, wenn es sich um eine Kritik an einer Ideologie handelt, die nach wie vor virulent ist: Antisemitismus.

Statt dem real existierenden Judenhass entgegenzuwirken, glitte die Antisemitismuskritik mehr und mehr in „Trivialisierung“ und „parolenhafte Phrasendrescherei“ ab, schreibt der israelische Historiker Moshe Zuckermann. „Noch nie sind ‚Shoah’, ‚Antisemitismus’, ‚Juden’ und ‚Judenhasser’ so vollmundig zeleberiert“ und „noch nie der konstruierte Zusammenhang von Zionismus, Israel, Shoah, Antisemitismus und Nahostkonflikt so weidlich instrumentalisiert, perfide ausgekostet und schändlich missbraucht worden“ wie heute.

Dieser Erosionsprozess der Kritik habe ein Stadium erreicht, in dem „eine Banalität des Bösen dadurch reproduziert wird, dass die Strukturbanalität der historischen Monstrosität sich in einer unbekümmerten Praxis nachmaliger verbaler Repräsentationen der Katastrophe wiederholt“. Zu diesem drastischen Befund kam Zuckermann nach akribischen Analysen von Reden, Interviews, Artikeln, deren Urheber deutsche und israelische Politiker, Vertreter von Stiftungen, außerparlamentarische Gruppen, Medienvertreter sind – bis in die Abgründe der Blogger-Szene.

Die Auswüchse geschichtsklitternder Vergleiche, der Verfälschung und Verzerrung politischer Fakten um das Themenfeld Nahostkonflikt-Israelkritik-Antizionismus-Antisemitismus sind atemberaubend. Die Situation der jüdischen Bevölkerung in Israel wird mit der verzweifelten Lage der Juden im Warschauer Ghetto während des Genozids verglichen und das palästinensische Kollektiv als historischer Nachfolger der SS apostrophiert. Dass „enthusiasmierte Solidarisierer“, so Zuckermann, jegliche Kritik an den permanenten Menschenrechtsverletzungen und Völkerrechtsbrüchen durch israelische Regierungen mit Antisemitismusvorwürfen abschmetterten, sei in Deutschland und Israel längst zur Routine geworden. Bevorzugt werden Friedenspolitiker, Kommunisten und andere linke Kapitalismuskritiker als „neue Antisemiten“ stigmatisiert.

In der politischen Kultur Israels sieht Zuckermann als eine wesentliche von vielen Ursachen für die Inflationierung und Instrumentalisierung der Shoah zur Legitimation der brutalen Kriegs- und Besatzungspolitik das Scheitern des Oslo-Friedensprozesses. „In den letzten Jahren kommt die kriegsdurchwirkte Barbarisierung der israelischen Politik hinzu, die in Ausnahmezuständen schon immer den Spieß umzudrehen und sich in erbärmlicher Selbstviktimisierung zu ergehen verstand.“

Die „regressive Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland ist nach Ansicht Zuckermanns nicht unerheblich verdrängtem und „tabuisiertem Antisemitismus“ und „legitimierter Islamophobie“ seit dem 11. September geschuldet. Der Hass gegen Muslime ersetze den Antisemitismus, der nun in einen „unsäglichen Philosemitismus“ umschlage. Die Staatspolitik der Bundesregierung habe diese Linie seit jeher verfolgt und erfahre nun von den bürgerlichen Medien, aber auch von gewendeten Linken, den  sogenannten Antideutschen, „eine bemerkenswerte ideologische Affirmation“.

Diesen Ex-Linken bescheinigt Zuckermann eine „Sehnsucht“, sich jüdischer Opferidentität zu be mächtigen. Die von ihnen so heftig umworbenen und fetischisierten Juden sollten bedenken, so Zuckermanns Warnung, „was alles an Unverdautem unter der Maske der ihnen schmeichelnden ‚Is raelsolidarität’ und ‚Antisemitenjagd’ west, vor allem aber die Quel le der Obsession von zu Jägern mutierten psychisch Gejagten, die den Eros ihrer ‚antideutschen’ Selbstverneinung“ aus verdräng ten antijüdischen Ressentiments beziehen würden.

Zuckermann geht es nicht nur darum, die Antisemitismuskritik gegen falsche Antisemitismuskritiker zu verteidigen, die „Schatten von Bergen für Berge ausgeben“. Er will der – unweigerlich mit dieser Ideologie einhergehenden – Beschädigung des Andenkens der Shoah-Opfer Einhalt gebieten. Für „die Wahrung der Würde der historischen Opfer im Stande ihres Opferseins“ sei „deren Inschutznahme vor heteronomer Vereinnahmung“ unabdingbar.

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Moshe Zuckermann – „Antisemit!“ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Promedia Verlag, Wien 2010, br. 208 S., 15,90 €.