
Wirtschaftspolitik, fand Anfang der 1990er Jahre, besonders in Ostdeutschland, zu wenig statt. Kohls Wirtschaftsminister Rexrodt: „Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt“
Der Übergang großer ostdeutscher Unternehmen aus der Staatswirtschaft in die Marktwirtschaft erfolgte nicht wie in Westdeutschland nach dem Krieg allmählich sondern abrupt. Beispiel VW: Erst im Jahre 1960, also zwölf Jahre nach der D-Mark-Einführung in Westdeutschland, beschloß der Bundestag das Unternehmen zu privatisieren und noch heute wird um das VW-Gesetz gestritten. In Ostdeutschland waren 2 Jahre nach der D-Mark-Einführung die großen Unternehmen verschwunden. Zeiß Jena ist eine Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Hinzu kam die faktische Währungsaufwertung für ostdeutsche Unternehmen durch Einführung der D-Mark 1990 (Geldpolitik). Deren Produkte waren von heute auf morgen nicht mehr wettbewerbsfähig[1].
In Folge der falschen Wirtschafts- und Geldpolitik gab es in Ostdeutschland Anfang 1992
1,2 Millionen Arbeitslose gegenüber 1,7 Millionen Arbeitslosen in Westdeutschland[2].
Die Politik reagierte darauf vorwiegend mit struktur- und sozialpolitischen Maßnahmen:
Ausbau der Verkehrswege nach und in Ostdeutschland, Bau von Gewerbeparks und Kläranlagen in Ostdeutschland (Strukturpolitik).
Es gab Programme zur Frühverrentung und Kurzarbeit Null (Sozialpolitik).
Auf Grund der vorgenannten Maßnahmen gab es zwar einen Geldstrom von West nach Ost, da aber Großbetriebe nicht mehr existierten und andererseits ein Mittelstand in der Ex-DDR in nennenswertem Umfang nicht vorhanden war profitierten von ihm überwiegend westdeutsche Unternehmen. Das Geld floß wieder zurück nach Westdeutschland in die dortigen Unternehmenskassen.
Die Bundesbank sah wegen der fehlenden Produktionskapazitäten in Ostdeutschland Inflationsgefahren und erhöhte den Leitzins ab Anfang 1991 von 6% auf über 8% im Jahre 1992[3][4]. Diese geldpolitische Maßnahme der „unabhängigen“ Bundesbank war verheerend für den Arbeitsmarkt in Deutschland, sie bescherte Deutschland 0,7 Mio. zusätzliche Arbeitslose[5].
Arbeitslosigkeit und Leitzinsen
Dazu ein Zitat aus einer Veröffentlichung der Deutschen Bank:
„Ist der Arbeitsmarkt entscheidend?
Zu den übrigen untersuchten Variablen gehört der Arbeitsmarkt.

Wie die nebenstehende Graphik deutlich macht, tendierte die Bundesbank oftmals zu einer ersten Zinsanhebung, wenn die Arbeitslosigkeit zurückging. Zufall oder Absicht?
Da in Hochkonjunkturphasen üblicherweise eine positive Arbeitsmarktentwicklung verzeichnet wird, könnte dies lediglich das Bestreben der Bundesbank widerspiegeln, auf die Konjunktur einwirken zu wollen. Allerdings kann auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, daß die Arbeitsmarktlage zu einem gewissen Grad in die geldpolitischen Entscheidungsprozesse zu Zeiten der Wenden in der Zinspolitik einging.“[6]
Auf gut Deutsch, immer wenn die Arbeitslosigkeit sank erhöhte die Bundesbank die Leitzinsen und würgte damit die Konjunktur ab, was einen weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit verhinderte.
In einem anderen europäischen Land gab es ebenfalls in den 1990er Jahre eine außerordentliche Lage in der Wirtschaft:
Schweden
- hohe Arbeitslosigkeit, zwischen 8,8 und 9,9% in den Jahren 1993 - 1997[7]
- 1994 Staatsverschuldung über 80% des BIP, Defizit der öffentlichen Finanzen 13 Prozent[8]
Zitat:
„Mitte der neunziger Jahre war die Staatskasse leer. 1995 mußte der neue sozialdemokratische Finanzminister Göran Persson beim Internationalen Währungsfonds (IWF) um Kredite bitten. ... die Inflationsrate war ebenfalls zweistellig ...
Nach der Liberalisierung des Kapitalmarktes mußten die Banken vom Staat vor dem Bankrott gerettet werden. Letztlich erwies sich der Wohlfahrtsstaat als in diesem Umfang nicht mehr finanzierbar.“[9]
A) Finanzpolitik:
Schweden: Staat senkte seine Ausgaben, Arbeitslose und Kranke blieben weitgehend verschont, Steuererhöhungen betrafen nicht die ärmeren Haushalte, das hätte nur deren Konsum gedrosselt, Steuererhöhungen zielten in hohem Maße auf die Firmen und die reichere Bevölkerung. Sinngemäßes Zitat nach den Aussagen von Per-Olaf Edin (Ehemaliger Wirtschaftsexperte der schwedischen Gewerkschaft LO) im Film „Sind unsere Staaten bald bankrott?“[10], einen Teil der Aussagen kann man im Begeleitmaterial zum Film auf arte nachlesen.[11]
Ganz anders in Deutschland: Arbeitslose und Kranke blieben seit Mitte der 1990er von Ausgabensenkungen des Staates nicht verschont , Steuerentlastung für reichere Haushalte.
Reaktion auf Abschwung ab 2001 (Platzen der New-Economy-Blase)
Schweden: eindeutig antizyklisch, die starke ausgabenseitige Restriktion [wurde] aufgehoben; die Wachstumsrate des Staatskonsums wurde angehoben und die konjunkturbedingte Steigerung der Sozialtransfers [wurde] hingenommen. (Zitiert nach: IMK vergleicht Schweden, Großbritannien, Deutschland - Richtige Makropolitik entscheidend für Überwindung von Konjunkturkrisen[12])
Ganz anders Deutschland
B) Geldpolitik (nur Reaktion auf Abschwung ab 2001, Platzen der New-Economy-Blase):
Schweden
Eine Senkung der Leitzinsen war nicht notwendig, da die schwedische Krone 2001 deutlich abgewertet wurde. Davon profitierte der Export und die Wirtschaft wuchs.
Für Deutschland hingegen erwies sich die EZB-Politik als unangemessen, …Die EZB reagierte 2001 erst mit deutlicher Verspätung auf den Wachstumseinbruch und senkte den Leitzinssatz von Mai 2001 bis zum Jahresende nur von 4,7 % auf 3,2 %, um ihn danach bis Ende 2002 konstant zu halten. Erst dann erfolgten weitere Absenkungen auf 2 % bis Juni 2003. Dies war angesichts der Tiefe und Dauer des Abschwungs für das größte Mitgliedsland der Währungsunion, Deutschland, zu spät und zu wenig.[14]
Geldpolitik:
Was erzählt die europäische Zentralbank hinsichtlich ihrer zukünftigen Politik, müssen sogenannte Zweitrundeneffekte (Lohnerhöhung wegen steigender Energie- und Lebensmittelpreise) als Begründung für eine Leitzinserhöhung herhalten? Siehe dazu auch das Video „Inflation und EZB -- Armut und Reichtum“ Ausschnitt ARD-Presseclub vom 1.6.08[23]
Finanzpolitik:
Sollen reiche Haushalte weitere Steuererleichterungen bekommen?
Steuererhöhungen oder Steuererleichterungen für arme Haushalte?
Richtige Makropolitik entscheidend für Überwindung von Konjunkturkrisen
Nach dem weltweiten Konjunktureinbruch 2000 und 2001 konnten sich sowohl das liberal geprägte Großbritannien als auch der nordische Wohlfahrtsstaat Schweden viel schneller erholen als Deutschland. Wesentlicher Grund: Beide Länder verfolgten einen expansiven Mix aus Geld-, Lohn- und Finanzpolitik. Zu diesem Schluss kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung in einer neuen Studie. Die Untersuchung liefere starke Indizien dafür, daß die richtige makroökonomische Politik und "nicht die Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsinstitutionen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung die entscheidenden Faktoren sind", so die IMK-Experten PD Dr. Eckhard Hein und Dr. Achim Truger. 15.11.2006[24]
Anstatt auf die Herausforderungen der 1990er Jahre, wie in Schweden mit makroökonomischen Instrumenten zu reagieren, wurde in Deutschland nur mit Mitteln der Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsinstitutionen reagiert, das hatte zur Folge, daß die Sozialsysteme dieser Aufgabe nicht gewappnet waren, dadurch überlastet wurden und erodierten.
[1] "Den Preis für die Währungsunion zahlen wir noch heute" Berliner Ztg. 28.6.2000 http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2000/0628/none/0026/index.html
[2] Arbeitslose in West- und Ost-Deutschland (1991 bis 2004) http://www.bpb.de/wissen/0AEWSS,0,Arbeitslose_in_West_und_Ostdeutschland.html
[3] Kein Geld, keine Inflation, F.A.Z., 04.05.2006, Nr. 103 / Seite 14 (Grafik: Geldpolitik in Deutschland)
[4] Helmut Schmidt: Offener Brief an Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer; Die Bundesbank - kein Staat im Staate, DIE ZEIT Ausgabe Nr.46 vom 8. November 1996
http://www.uni-konstanz.de/FuF/wiwi/laufer/HANS.html
[5] Arbeitslose in West- und Ost-Deutschland a.a.O.
[6] Aktuelle Themen Nr. 126: Wann erfolgt die erste Zinserhöhung durch die EZB? 04.08.1999 http://www.dbresearch.com/PROD/DBR_INTERNET_EN-PROD/PROD0000000000014334.pdf
[7] Standardised Unemployment Rate (SUR) gem. OECD www.oecd.org
[8] Wie ich Schwedens Finanzprobleme löste, Göran Persson, DIE ZEIT 11.08.2005 http://www.zeit.de/2005/33/Schweden
[9] Wohlfahrtsstaat Schweden hat abgespeckt, Die Welt, 7. April 2005 http://tinyurl.com/3haf7w
[10] http://www.youtube.com/watch?v=_q8MWxWUzIE „Sind unsere Staaten bald bankrott?“ Film 2006, Frankreich gesendet auf arte am 18.9.2007
[11] Gute Schulden, schlechte Schulden ? 18.09.2007,
http://www.arte.tv/de/geschichte-gesellschaft/archivs/Staatsverschuldung/1682468.html
[12] : Warum bleibt Deutschland hinter Schweden und dem Vereinigten Königreich zurück?, IMK Report 15, November 2006 http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_15_2006.pdf
[13] IMK Report 15 a.a.O.
[14] IMK Report 15 a.a.O.
[15] Standardised Unemployment Rate (SUR) gem. OECD www.oecd.org
[16] Wie ich Schwedens Finanzprobleme löste, Göran Persson a.a.O
[17] Die Entwicklung der Staatsverschuldung seit der deutschen Vereinigung, Deutsche Bundesbank 1997
[20] Der Staat als Arbeitgeber im skandinavisch-deutschen Vergleich, Cornelia Heintze, 2007,
http://www.dr-heintze-beratung.de/Publikationen/Berlin-Debatte2007-3%20Heintze.pdf
[21] Industrielle Produktion und Dienstleistungsgesellschaft als komplementäre Säulen der Modernisierung in Schweden, Jürgen Aring, Bremen 2003 http://bfag-aring.de/pdf-dokumente/Aring_2003_NORDEN_15.pdf
[22] Heintze, 2007 a.a.O.